Reformationsjahr 2017: Fritz Oerter über Thomas Müntzer

Fritz Oerter: Besprechung von „Redner der Revolution. Band VI. Thomas Münzer. Neuer deutscher Verlag, Berlin 1926

Thomas Müntzer

Syfo-Broschüre

„Ich finde, dass es sehr notwendig ist, von Zeit zu Zeit dem deutschen Volke durch Beispiele vor Augen zu halten, dass es nicht immer jenes schafgeduldige Volk war, das sich unter tausend Lasten beugt und sich von weltlichen und geistlichen Führern einpauken lässt, dass es immer so gewesen sei und auch fernerhin so bleiben würde, sondern dass es auch revolutionäre Epochen hinter sich, ja dass sogar vor der sogenannten großen französischen Revolution und selbst vor der englischen schon eine wirkliche deutsche Revolution stattgefunden hat. Die zünftigen Historiker sprechen schamvoll von Bauernkriegen und wollen nicht wahrhaben, dass der deutsche Michel auch einmal aufbrauste und zornbebend sich wider die weltlichen und geistlichen Autoritäten erhob, aber es war doch eine Revolution. Gewiß, die Herren haben sie im Blut erstickt und die revolutionären Bauern sind an ihrer Uneinigkeit und ihrer Gutmütigkeit zugrunde gegangen; dazu sind sie von den jetzt als große Helden gefeierten Reformationshäuptlingen Luther und Melanchton schmählich verraten worden. Wie heute der Sozialismus durch die Parteisozialisten kaputtgemacht wird, so ist damals auch der ursprüngliche revolutionäre Geist der Reformation durch die Führer derselben unterdrückt, ja nicht nur unterdrückt, sondern direkt in reaktionäre Bahnen geleitet worden.

Wer sich über die Vorgänge um das Jahr 1525 herum orientieren will, der findet keine bessere Gelegenheit als die Reden von Thomas Münzer. Die ausführliche Biographie, die von Dr. Paul Friedländer geschrieben, den Reden vorausgeht, gibt ein vortreffliches Bild von jener Zeit und von dem  kühnen Allstedter Rebellen, wenn auch die Darstellung manchmal ein wenig zu einseitig marxistisch-materialistisch erscheint. Gar zu gerne möchte Friedländer den Thomas Münzer zu einem Vorläufer des modernen Kommunismus stempeln und vergißt ganz, dass dieser große Revolutionär aus der religiösen Sphäre herkam und einem christlichen Kommunismus das Wort redete. Dennoch ist die Biographie sehr lesenswert. Die Reden selbst in ihrer fast naiv anmutenden aber doch so markigen Sprache gewähren einen tiefen Einblick in die Verhältnisse und in die blutigen Freiheitskämpfe des unglücklichen Volkes in damaliger Zeit. F.O.“

Aus: Der freie Arbeiter, Nr. 49/1926.

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Fritz Oerter: Rationalisierung (1927)

Rudolf Rocker: Die Rationalisierung der Wirtschaft und die Arbeiterklasse

von Fritz Oerter

Diese Arbeit unseres alten Kameraden kommt gerade zur rechten Zeit, denn obwohl soviel über die Rationalisierung gesprochen und geschrieben wird, herrscht speziell in Arbeiterkreisen noch viel Unklarheit über ihre nächsten Wirkungen und Folgen. Diese Unklarheit findet ihre Erklärung darin, dass die superklugen Herren der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, die sich anfangs Wunderdinge von der Rationalisierung versprachen, inzwischen aber einsehen mussten, dass sie betrogene Betrüger sind, allen Grund haben, über das Fegefeuer der Rationalisierung, in das sie im Bunde mit den Kapitalisten die Arbeiter, denen alle möglichen Versprechungen gemacht worden waren, hineingetrieben haben, einen dichten Schleier zu ziehen. Rocker ist rücksichtslos genug, die Schleier wegzuziehen und an der Hand untrüglichen statistischen Materials, nachzuweisen, welche Wirkungen die Rationalisierung für die Ausbeuter und für die Ausgebeuteten hatte.

Das kapitalistische Unternehmertum hat erhöhte Profite und eine unheimliche Machtverstärkung dadurch erhalten, während die Arbeiterschaft wie immer den Kürzeren zog. Für sie trat Lohn- und Personal-Abbau ein, die Arbeitszeit wurde erhöht, die Antreiberei ohne Rücksicht auf die Vermehrung der Unfälle immer ärger und das Arbeitsverhältnis nahm immer mehr die Form der Sklaverei an. Rocker enthüllt schonungslos die ganze kapitalistische Brutalität, die in der Rationalisierung, im Ford- und Taylorsystem enthalten ist, Es wäre zu wünschen, dass jeder Syndikalist und Anarchist sich diese Broschüre verschaffen würde, denn hier findet er aktuelles Material in Fülle um für seine Ideen erfolgreich wirken zu können.

Aus: „Der freie Arbeiter“, Nr. 41/1927.

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Syndikalismus in Deutschland 1914-1918

Helge Döhring:

Die syndikalistische Arbeiterbewegung in Deutschland 1914-1918

1914

Dieser Text ist eine Zusammenfassung dieses Buches

Entnommen aus: „Syfo – Forschung & Bewegung. Jahrbuch des Instituts für Syndikalismusforschung (SYFO) Nr. 4/2014, S. 50-70.

Die Arbeiterbewegung in Deutschland ist im kollektiven Gedächtnis vor allem durch die numerisch größten, die sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen vertreten. Dazu zählen in der Geschichte auf betrieblicher Ebene die Zentralverbände, vertreten durch die „Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“, in der Weimarer Zeit organisiert im „Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund“ (ADGB) und auf politischer Ebene die Parteien, die „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) und in ihrer radikaleren Form die „Unabhängige sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (USPD). In der Zeit des Ersten Weltkrieges und im Zuge der russischen Oktoberrevolution (1917) kamen explizit kommunistisch orientierte Parteien hinzu, die größte unter ihnen seit Januar 1919 die „Kommunistische Partei Deutschlands“ (KPD). Auf ihre eigenen Traditionen zurückblicken konnten auch die christlichen Gewerkschaften, die besonders in Regionen mit katholischer Bevölkerung zur zweiten Kraft hinter den sozialdemokratischen Zentralverbänden aufstiegen, sowie der liberale, kleine, aber traditionsreiche „Hirsch-Dunckersche Gewerkverein“. Sie alle werden in den wissenschaftlichen Darstellungen zur Gewerkschaftsgeschichte in Deutschland ausgiebig beachtet.

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Freie Forschung für eine freie Gesellschaft!

img579Der folgende Vorstellungstext erschien im Februar 2013 zuerst in der Ausgabe Nummer 8 der „Tante Paul„, der Hochschulpolitischen Zeitung aus Bremen. Er beleuchtet die Ansichten und Tätigkeiten des Instituts für Sydikalismusforschung (Syfo)

Das Institut für Syndikalismusforschung (Bremen)

„Für mich ist [das] Axiom, dass gute Bücher, die beste Universität ersetzen, unentwegt gültig geblieben, und ich bin noch heute überzeugt, dass man ein ausgezeichneter Philosoph, Historiker, Philologe, Jurist und was immer werden kann, ohne je eine Universität oder sogar ein Gymnasium besucht zu haben […] So praktisch, handlich und heilsam der akademische Betrieb für die Durchschnittsbegabung sein mag, so entbehrlich scheint er mir für individuell produktive Naturen, bei denen er sich sogar im Sinn einer Hemmung auszuwirken vermag.“

(Stefan Zweig: Die Welt von gestern)

Selbstorganisiert studieren und forschen? Eine wahrlich utopische Vorstellung in Zeiten sich verschärfender Studienordnungen und dem der Verwertungs- und Profitlogik untergeordnetem Betrieb, auch an der Uni. Kann es eine Forschung geben, deren stärkstes Fundament in Gegenseitiger Hilfe und Eigenengagement besteht? Wer sich im bürgerlichen Lehr- und Wissenschaftsbetrieb im Sinne einer freien Gesellschaft einsetzt, stößt schnell an Grenzen und hat mit breit gefächerten, widrigen Umständen zu kämpfen. Immer gibt es Personen und Institutionen, denen man es irgendwie recht machen muß, nicht nur bei der Lockermachung von Geldern, sondern auch im Kampf um Kontakte und Reputationen. Auch mit guten Absichten ist man in diesem Geflecht an Lobbygruppen schnell gefangen, und unmerklich beginnt auch das Denken, sich nach Nützlichkeitserwägungen auszurichten, sich dem anzupassen und dem Opportunismus anheim zu fallen. Zudem ist der herkömmliche Wissenschaftsbetrieb unglaublich schwerfällig. Die Akteure haben sich dort beruflich eingerichtet. Forschung untersteht dem Geldverdienen und oftmals dem im Kapitalismus sehr verständlichen Motto: Viel verdienen mit möglichst wenig Aufwand. Forschungsprojekte dauern dann auch dementsprechend lange. Aber kommen wir so zu einer freien Gesellschaft?

Kann eine solche aufgebaut werden, wenn die Forschung nach den Regeln der alten bürgerlichen Gesellschaft funktioniert? Oder sind vielmehr die ökonomischen und politischen Kämpfe unserer Zeit für unser Handeln ausschlaggebend? Sowohl die Forschungsfelder als auch die Forschungsmethoden sollten unserem Zukunftsideal möglichst nahe kommen. Um es vorweg zu nehmen: Es funktioniert und ist sehr effizient, auf die eigenen Kräfte zu vertrauen, statt sich anderen Kräften anzuvertrauen! Bewußt jenseits eingefahrener Strukturen zu arbeiten, bring ungeahnte Produktivität, quantitativ, wie qualitativ.

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1931: FAUD-Werbewochen und Programm

faud-1931Im Hamburger Verlag Barrikade ist im August 2013 ein ansehnlicher Reprint der FAUD-Programmschrift „Mit uns voran!“ aus dem Jahre 1931 erschienen. Darin enthalten sind die Kapitel „Unser Weg“, „Prinzipielerklärung des Anarcho-Syndikalismus“ und das „Organisationsstatut der FAUD (A.-S.).

Das 11-seitige Nachwort mit fachkundig recherchierten Erläuterungen zu den damaligen FAUD-Werbewochen und mit Illustrationen versehen schrieb Helge Döhring vom Institut für Syndikalismusforschung.

Im Originalformat A6, 64 Seiten, Umschlag vierfarbig. Die Auflage beträgt 500 Expl., der Verkaufspreis ist 1 €/Einzelheft zuzügl. Porto (1,- €). Für Mehrfachbezieher/innen bietet der Verlag natürlich bessere Konditionen an:

10 Stück …. 10 €uro inkl. Porto
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Wir forschen selbst! Syfo im Interview

Titel Syfo Jahrbuch Nr5Für die Ausgabe der Wochenzeitung „Jungle World“ vom 17. September 2015 gaben wir ein Interview unter dem Titel „Wir forschen selbst“:

„Vor kurzem ist die fünfte Ausgabe des Jahrbuchs des Instituts für Syndikalismusforschung (Syfo-Jahrbuch) erschienen. Das Institut will die Praxis der syndikalistischen Bewegung auf historisch-theoretischer Ebene begleiten. Helge Döhring ist einer seiner Begründer und hat zahlreiche Bücher und Studien zur Geschichte des Syndikalismus in Deutschland herausgegeben. Mit ihm sprach die Jungle World über die Arbeitsweise des Instituts sowie den historischen und gegenwärtigen Syndikalismus.

Interview: Peter Nowak

Wie kam es 2007 zur Gründung des Instituts für Syndikalismusforschung?

Der konkrete Anlass zur Gründung bestand darin, dass wenige Jahre zuvor einige bekannte »Anarchismusforscher« mit einem Spezialanwalt begannen, junge Aktivisten der FAU (Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union) wegen sogenannter Urheberrechtsverletzungen juristisch zu bedrohen. Daraufhin sagten wir entschieden: Nicht mit uns, wir forschen und publizieren jetzt selbst! Wir sind eng verbunden mit Teilen der heutigen anarchosyndikalistischen Bewegung und deren Mitglieder müssen beim Rückgriff auf unsere Materialien nicht befürchten, vor Gericht gezogen zu werden. Uns sind die Genossen wichtig, nicht das Geld. […]

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Nomos-Sammelband „Den Staat zerschlagen“ erschienen

9783832979867Dr. Peter Seyferth (Hg.): Den Staat zerschlagen!

Anarchistische Staatsverständnisse, 2015, 306 S., Broschiert, ISBN 978-3-8329-7986-7, 49,- €* (aus der Portokasse für Millionäre oder für 10 Hartz IV-Bezieher, wenn sie zusammenschmeißen)

„Das, was am Staat so übel ist, lässt sich nicht durch Reformen, Gewaltenteilung, Wahlen, internationale Verträge oder tugendhafte Politiker ausbessern. Weil der Staat immer eine gewaltsame Herrschaftsstruktur ist, muss er durch herrschaftsfreie Ordnungen ersetzt werden, die selbst nicht staatsförmig sind. […]“

Helge Döhring  vom Institut für Syndikalismuforschung ist auf den Seiten 237-257 mit folgendem Beitrag vertreten:

Die Rolle des Staates in der gesellschaftlichen Konzeption des Anarcho-Syndikalismus“ (Mit exemplarischem Fokus auf die Geschichte Spaniens und Schwedens)

Weitere Verlagsinformationen

Beiträge von:

Helge Döhring, Wolfgang Eckhardt, Uri Gordon, Markus Huber, Philippe Kellermann, Carolin Kosuch, Jürgen Mümken, Birgit Schmidt, Maurice Schuhmann, Peter Seyferth, David Strohmaier, Shawn P. Wilbur und Siegbert Wolf.

Das Werk ist Teil der Reihe Staatsverständnisse, Band 78.

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