Vor 100 Jahren

August 1923 – Dokumente aus dem Syfo-Archiv

Wir Syndikalisten und die Rheinlandfrage

Je unklarer und verworrener die begriffliche Einstellung der einzelnen Schichten innerhalb des gesamten Volkes zu der gegenwärtigen Lage im Ruhrgebiet ist, um so mehr fühlen sie sich veranlaßt, in ihrer Herzbeklemmung uns Syndikalisten anzupöbeln. Was verschlägts, daß unsere Stellung zum Staat und seinen Machtorganen die denkbar konsequenteste und vom sachlichen Standpunkt aus die einzig logische, richtige und vernünftige ist, – was verschlägts, daß wir diese Stellung andauernd im kleinen Zirkel sowohl als auch in der Öffentlichkeit mit Schärfe betonen, – die geistigen Klopffechter aller uns nicht wohl gesinnten Schichten gleiten mit Grandezza über diese Bewertung des Staates hinweg und bringen uns, in emsiger Geschäftigkeit, mit der Propaganda der rheinischen Sonderbündler in Verbindung. Es ist System in diese Sache hineingekommen. Denn was wir in den letzten Tagen über diese Frage in der bürgerlichen und insbesondere in der kommunistischen Presse lesen konnten, das zeigt uns neben einer gewissen Wesensgemeinschaft dieser Pressen auch die zweckklare Absicht, nach einem Sündenbock für das gänzlich verpfuschte Ruhrabenteuer zu suchen. Und diese Sündenbock sollten wir sein. Man kann das zwar vom Standpunkte der Staatsfanatiker aus verstehen, aber wir bedanken uns doch dafür, diese wenig beneidenswerte Rolle zu übernehmen. Der geistige Gehalt aller dieser Angriffe und die Art, wie man uns in Verbindung mit der rheinischen Frage bringt, geht aus einer Spitzmarke der Mannheimer Arbeiterzeitung hervor, die wir der Düsseldorfer kommunistischen Freiheit entnehmen, die damit Schindluder treibt:

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Neuerscheinung: Syndikalismus und Anarchismus in Ostpreußen

Edition Syfo #9: Helge Döhring

Anarchismus und Syndikalismus in Ospreußen. Fragmente einer vergessenen Bewegung.

Kaum ein Land ist in der Erinnerungskultur so stark von reaktionären Kräften besetzt wie Ostpreußen. Das Land des Bernsteins, der Trakehner und der Gräfin Dönhoff, womit noch die harmlosen Exponate angedeutet sind. Verkitscht, verharmlost, verklärt: Es gibt eine deutliche Diskrepanz zwischen den gängigen Erinnerungen in hohen Auflagen und der Sprache der historischen Quellen. Knechtschaft, Unterwürfigkeit, Frömmigkeit, Genügsamkeit, Terror des Staates und des Landjunkertums, die permanente Unterdrückung mitmenschlichen Empfindens und lustvollen Glücks. Die großartige Therese Giehse in der Rolle der Direktorin in „Mädchen in Uniform“ (1958) personifiziert diese grauenvolle preußische Härte des Lebens für ganz Ostelbien.

Hart zeigten sich aber auch diejenigen, die das ändern wollten. Sie nannten sich „Sturmvolk“ und waren Teil der syndikalistisch-anarchistischen Jugend. Sie wollten diese Verhältnisse nachhaltig aufbrechen. Ihre inhaltliche Klarheit, ihre beeindruckenden emanzipatorischen Ansätze werden in dieser Broschüre ausführlich offen gelegt. Sie waren Kinder der Arbeiterbewegung, die sich besonders auf die Hauptstadt Königsberg konzentrierte. Ihre erwachsenen Genossen, vor allem Bauarbeiter, organisierten sich dort bereits im 19. Jahrhundert in der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft, später „Freie Arbeiter-Union Deutschlands“ genannt. Emanzipatorische Ideen artikulierten sich in Ostpreußen auch in der „Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands“ und in der „Anarchistischen Jugend“.

Es mag widersprüchlich klingen, aber der nützliche Teil dieser Härte stünde der heutigen Bewegung gut zu Gesicht.

52 Seiten, A5, Fadenheftung, Spendenpreis 5 €, kostenlos als PDF

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150 Jahre anti-autoritäre Internationale von St. Imier – Syfo im Schweizer Jura

Anlässlich des 150. Jahrestages der ersten antiautoritären Internationale treffen wir uns vom 19. bis 23. Juli 2023 im Schweizer Jura. Ziel dieser Treffen ist es, Anarchistinnen und Anarchisten zusammenzubringen, um gemeinsam nachzudenken, Erfahrungen auszutauschen und Solidarität über Kämpfe und Grenzen hinweg aufzubauen.

Während der 5 Tage und an 12 Veranstaltungsorten bietet das Treffen über 302 Workshops, 48 Konzerte, 36 Filmvorführungen, 11 Theateraufführungen, 7 Ausstellungen und 95 Buchmesse-Tische zum Entdecken.

Auf unseren FAQ und den dazugehörigen Seiten findest du weitere Informationen über Anreise nach St-Imier, Camping- und Innenschlafplätze, veganes oder glutenfreies Essen und Getränke, Parkplätze, Kinderbetreuung und Hilfe durch unser Betreuungsteam.

Das Institut für Syndikalismusforschung nimmt an dieser Zusammenkunft teil, und wird mit einem umfangreichen Buch- und Infotisch auf der Buchmesse vertreten sein. Kommt vorbei. Wir freuen uns auf neue Bekanntschaften, „alte“ Kampfgefährt:innen und das gemeinsame Pläneschmieden.

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Vor 100 Jahren

Juli 1923 – Dokumente aus dem Syfo-Archiv

Kurt Wilckens in dem Kerker Argentiniens ermordet

[…] Mitte Juni wurde Kurt Wilckens von einem Soldaten der Gefängniswache in seiner Zelle ermordet. Wir wissen nicht, welche Version die Regierung geben wird, um diesen wilden Akt zu erklären, wir sind aber mit unsern Kameraden in Argentinien überzeugt, daß es die patriotische Reaktion war, die das Instrument der feigen Rache in die Hände des Mörders drückte.

Die Nachricht von der Ermordung Wilckens verbreitete sich wie ein Lauffeuer erst in Buenos Aires, dann in ganz Argentinien, trotz des Versuches der Behörden, die Tatsache zu ersticken oder wenigstens aufzuhalten. Die Nachricht allein genügte, um einen Generalstreik hervorzurufen, der in der Tat einige Stunden nach der Ermordung ausbrach. Die privilegierten Klassen wurden von der Panik ergriffen. Es entwickelten sich spontane Manifestationen, die zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Nationalisten führten und auf beiden Seiten Tote und Verwundete zur Folge hatten. Die Arbeitervereinshäuser wurden geschlossen und eine große Anzahl Arbeiter befindet sich bereits hinter schwedischen Gardinen. Gegenwärtig wütet in Argentinien eine blutige Reaktion, die bis dahin noch in gewissen Grenzen gehalten werden konnte.

Noch wissen wir keine Einzelheiten über den Verlauf der Ereignisse. Wenn man aber den Geist der revolutionären Bewegung Süd-Amerikas und besonders Argentiniens kennt, ist es leicht zu erraten, daß unsere Brüder dort schwere Stunden zu durchleben haben.

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Vor 100 Jahren

Juni 1923 – Dokumente aus dem Syfo-Archiv

„Argentinien.

Kurt Wilckens.

Am 25. Januar gab es in Buenos Aires (Argentinien) ein Ereignis, das von dem gesamten Proletariat Südamerikas mit Begeisterung begrüßt wurde. Der Oberst Varela wurde von dem deutschen Anarchisten Kurt Wilckens getötet. Wilckens ist in den revolutionären Kreisen Nord- und Südamerikas wohlbekannt. Verelas Tod hat in der revolutionären Geschichte eine überwältigende Bedeutung. Der Tod Varelas wurde nicht als ein terroristischer Akt betrachtet, selbst die Presse der Bourgeoisie wagte es nicht, Wilckens als Terroristen ihren Lesern darzustellen. Das Attentat, das Wilckens gegen den Henker Varela verübte, kann nur als Sühne betrachtet werden. Wilckens ist Gegner der Gewalt, Tolstojaner. Er ist ein intelligenter und belesener Mann, der um den Preis seiner Freiheit, vielleicht gar um den Preis seines Lebens, den Mörder von 1.500 streikenden Arbeitern Patagoniens bestrafen wollte.

Die Tragödie, die sich in Patagonien abspielte, ist nicht zu dem Proletariat Europas gedrungen. Und doch ist dies eine der blutigsten Episoden im Kampfe des Proletariats. Die Ausbeutung der Arbeiterschaft in Südargentinien erreichte einen unübersteigbaren Grad und führte zu einem Streik. Im Verlaufe dieses Streikes kam es zu einigen Gewaltakten und die bürgerliche Presse war voll von Berichten über angebliche Banden und Räubereien, die in Patagonien vorgekommen sein sollten. Um diese Räuberbanden zu vernichten, forderte die Bourgeoisie starke Militärkräfte, die nach Patagonien gesandt werden sollten. Die ‚Räuber’ waren aber in Wirklichkeit streikende Arbeiter, die menschlichere Arbeits- und Lebensbedingungen forderten. Der Streik dehnte sich aus auf das ganze südliche Gebiet Argentiniens und die Arbeiter waren gezwungen, sich gegen die Angriffe der Kapitalisten zu verteidigen. Die Notwendigkeit dieser Verteidigung zwang sie, sich in den Besitz von Waffen, die Notwendigkeit, ihr Leben zu erhalten, sich in den Besitz von Lebensmitteln zu setzen. So setzten sich die Streikenden in den Besitz einiger Städtchen, wie Paso Ibanez, Canada Leon usw., um von den Kapitalisten die Erfüllung ihrer Forderungen zu erzwingen. Die Kapitalisten aber hatten die Regierung hinter sich und diese sandte Oberst Varela, der sich mit 10 Regimentern Truppen, unter denen sich viel Kavallerie befand, sowie mit einigen Kriegsschiffen nach Patagonien begab und die von den Streikenden besetzten Städte bombardierte.

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Zweite Ausgabe der Kampfgeister erschienen

Auch die zweite Ausgabe der Kampfgeister birgt in ihren knapp 100 Seiten wieder eine Vielzahl interessanter Beiträge.

Gespräche führten wir mit Aktiven der Radical Aid Force, die mit Hilfslieferungen Menschen und Angehörige der anarchistischen Kampfeinheiten in der Ukraine unterstützen. Sie berichten über ihre Arbeit, die dem Ziel dient, „täglich daran zu arbeiten, das Leben unserer Genoss:innen auf ukrainischer Seite zu erleichtern und zu schützen.“

In einem tiefgründigen Gespräch diskutieren wir mit Thomas Friedrich, Professor für Philosophie und Herausgeber eines wissenschaftlichen „Anarchismus-Handbuchs“, über die Eigenschaften der „kritischen Theorie“ und deren Nähe zu anarchistischen Vorstellungen. Das Gespräch birgt so manche Erkenntnis und baut so manche Brücke über mögliche Vorurteile hinweg.

Wie immer finden sich Berichte und Informationen zu neuen Projekten, Veranstaltungen und Aktivitäten des Instituts für Syndikalismusforschung. Letztes Jahr wurden wir 15 Jahre jung. Martin Veith blickt auf einige Ereignisse in diesem Zeitraum und legt die Überlegungen, die zur Gründung des Instituts führten, dar. Kurznachrichten und Veranstaltungshinweise schließen sich an. Markus bringt uns den Film „Unruh“ zum „Schweizer Sommer der Anarchie“ näher und Gabriel Kuhn stellt uns die Neuerscheinung über Schwedische Syndikalisten und Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg vor.

Ende letzten Jahres erschien mit „Fragmente zu Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in der Bukowina“ eine neue Studie über die anti-autoritäre Arbeiter:innenbewegung in dieser historischen Region Osteuropas. Darin enthalten sind die „Erinnerungen eines Anarchisten aus Rumänien“ von Mechel Stanger. Nach der deutschen Erstveröffentlichung dieses wichtigen historischen Dokuments ist Frau Anette Stanger-Eriksson mit uns in Kontakt getreten und hat einige weitere aufschlussreiche Informationen über ihren anarcho-syndikalistischen Vater mitgeteilt. Diese finden sich im Heft und wir sagen vielen Dank dafür!

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Neu und erweitert: Revolutionärer Syndikalismus, Industrialismus und Unionismus bis 1918

Quellen im Internet. Beiträge zu einer Bibliographie. Gesammelt von Jonnie Schlichting, 6. Fassung vom Juni 2023

Eine große Hilfe für die Forschung und auch spannend zum Stöbern und Appetit holen, mit einem großen Dank an Jonnie Schlichting:

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Geschichte von unten sichtbar machen – Postkartenserie des Instituts für Syndikalismusforschung

Mit einer Postkartenserie rückt das Institut für Syndikalismusforschung Geschichte und Widerstand von unten in den Fokus. Motive aus Archiven sowie von Genoss:innen und Freund:innen gemachte Bilder finden sich auf der Vorderseite. Hierbei verknüpfen einige von ihnen Vergangenheit und Gegenwart in gekonnter Art und Weise. Auf der Rückseite findet sich jeweils ein kurzer erklärender Text.

Aktuell publizieren wir drei thematische Serien. Diese behandeln Themen und Personen aus Deutschland, Rumänien sowie der internationalen Ebene. Wir haben offen gehalten, ob wir weitere thematische Serien erstellen, wobei wir uns von Archivmaterialien und Motiven inspirieren lassen.

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Leipzig. Deutsche Polizei erschoß Anarchisten!

In der vom Bürgertum als demokratisch gepriesenen „Republik von Weimar“ wurden vor 100 Jahren am 6. Juni 1923 die Genossen Willi Domprobst und Arno Feist erschossen. Sie waren Mitglieder der „Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands“.

Sie wagten es, auf dem Augustusplatz in Leipzig an einer Demonstration gegen die „Teuerungsnot“ teilzunehmen. Der veranstaltenden SPD passte kein Protest von anderen Organisationen. Die Polizei griff die Demonstrierenden mit Knüppen an. Die Sozialdemokraten zogen ihren Ordnerdienst zurück und die Polizei schoss in die Menge, so hieß es in der Berichterstattung zeitgenössischer Anarchisten. Arno Feist war erst 16 Jahre alt. Im Jahr darauf gab es eine von weiterer Repression begleitete Gedächtnisdemonstration.

Gibts schon Stolpersteine?

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