Anarchie und Selbstbestimmung – Erinnerungen an Joachim Domann „Schmutz“

Ein Selbstbildnis von Schmutz 2018

In der Nacht vom 18. auf den 19. Mai 2019 ist im Alter von 50 Jahren Joachim Domann, besser bekannt unter seinem Spitznamen Schmutz, in Stuttgart gestorben. In der Stadt am Neckar war er vielen Menschen durch sein extravagantes Äußeres bekannt. Man traf ihn auf Punk- und Indykonzerten, im „Schlesinger“, bei nicht-kommerziellen Festivals wie dem Umsonst und Draußen und zuletzt auch bei Kunstausstellungen und Vernissagen. Ein gefühlvoller Nachruf von Uwe Bogen in der Stuttgarter Zeitung vom 1. Juni 2019 würdigt ihn als „Paradiesvogel“ und lässt den Wirt und Kunstfreund Bernd Heidelbauer zu Wort kommen, der einst in New York lebte und Schmutz in High Heels und Strapsen in der Stuttgarter Straßenbahn kennenlernte. Beide Männer freundeten sich an. „Solche Typen wie ihn habe ich selbst in New York nicht gesehen“ sagt er. Zuletzt arbeitete Schmutz mit einer Stuttgarter Fotografin an einem Projekt zum Thema Fetisch. Sie dürfte damit der Mensch sein, der die letzten Bilder von Schmutz angefertigt hat. Auf seinem Facebook-Profil zeigte er sich selbst gerne in den unterschiedlichsten erotischen Outfits und Posen.

Doch Schmutz war nicht nur ein Zerstörer von bürgerlichen Konventionen im Interesse eines freien und selbstbestimmten Lebens. In den frühen 1990er Jahren gehörte er zu den aktivsten anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Genossen Stuttgarts. Aufgewachsen in einem Heim kam er durch die Buchempfehlung eines Erziehers zum Anarchismus und schloss sich 1990 der damals kleinen Gruppe der anarcho-syndikalistischen Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter Union (FAU) an. Hier lernten wir uns kennen und schätzen und in den nächsten Jahren verging keine Woche ohne gemeinsame Aktivitäten. Am Aufstieg des Anarchismus in Stuttgart zu dieser Zeit hat Schmutz durch seine offene, bestimmte und freundliche Art seinen Anteil. Schmutz gehörte zu den zuverlässigsten Genossen und war Gründungsmitglied der 1990 gebildeten Anarcho-Syndikalistischen Jugend (ASJ) Stuttgart, die wenig später mehrere dutzend Angehörige in der Stadt und dem Umland umfasste und in den sozialen und politischen Auseinandersetzungen wirkte.

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Neu: Anarchisten auf Sinnsuche, FKAD 2. Band

Helge Döhring: Anarchisten auf Sinnsuche
Die Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD) 1919-1933, Band 2

ISBN 978-3-86841-191-1
286 Seiten, 20 €

Die Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD) war in den Jahren 1919 bis 1933 mit bis zu 500 Mitgliedern die größte anarchistische Organisation des Landes. In dieser Zeit hielt sie acht Reichskongresse ab. Die Anfänge gestalteten sich noch weitgehend einträchtig mit der syndikalistischen Arbeiterbewegung. Seit 1923 isolierte sie sich zunehmend und verbiß sich in Zänkereien. Ihr stärkster Gegner war sie selbst.
Dieses Buch enthält die Kongressberichte und essenzielle Grundlagentexte dieser Organisation. Es ist der zweite Band zum Titel

Organisierter Anarchismus in Deutschland1919 bis 1933. Die Föderation kommunistischerAnarchisten Deutschlands (FKAD)“.

Bestellungen über den Verlag Edition AV

Inhaltsverzeichnis

Vorwort S. 9

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Syfo am 1. Mai 2019

1er-mai-2019Zum internationalen Kampftag der arbeitenden Klasse ist auch das Institut für Syndikalismusforschung wieder auf der Straße. In Bremen und Kaiserslautern könnt ihr uns jeweils an einem Infostand treffen, kennenlernen und mit uns diskutieren. Wir freuen uns auf neue Menschen und bekannte Gesichter.

The workers united will never be defeated!

Bremen: Syfo-Infotisch auf dem traditionellen Buchtstraßen-Fest, Buchtstraße, Bremen (nahe Domsheide), ab 10:00 Uhr

Kaiserslautern: Syfo-Infotisch auf dem 1. Mai-Fest auf dem Platz vor dem Libertären Infoladen und Kulturtreff „Eselsohr“, Pirmasenser Straße 48, Kaiserslautern, ab 14:00 Uhr.

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Fürth im Februar 2019: Gedenken an Fritz Oerter

Gedenktafel

Im 19. Februar 2019 brachte die Initiative „Fritz Oerter Gedenken“ in der Fürther Altstadt am Haus Obere Fischerstraße 3 eine Gedenktafel an.

Gedenkrede als Broschüre

Denn dort richtete der Anarcho-Syndikalist Fritz Oerter in den 1920er Jahren eine Leihbücherei ein. Die Initiatoren ehrten seinen 150 Geburtstag und schreiben: „Fritz Oerters Leben war geprägt von einer radikalen Menschenfreundlichkeit, vom Kampf gegen Krieg, Kapitalismus und Nationalismus. Er strebte nach der Befreiung aller Menschen, nach einer gewaltfreien Welt. Möge uns sein Lebenswerk mahnen und motivieren: ‚Ich glaube an die Macht des Guten, wenn es auch den Anschein hat, als wäre sie gänzlich aus den Herzen der Menschen vertrieben’“. (Fritz Oerter, 1914) Der Schriftsteller Leonhard Seidl referierte im Welthaus Fürth „Fritz Oerter Der radikale Menschenfreund aus Fürth“. Wir freuen uns über den großen Anklang, die diese Initiative gefunden hat, und beteiligten uns sehr gerne daran.

 

Eine Oerter Gedenkrede (siehe unten) vom Institut für Syndikalismusforschung trug die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union Nürnberg (FAU) vor. Zu den Unterstützern der Initiative zählen:

 

Altstadtverein Fürth
Auf der Suche - Anarchistische Gruppe Nürnberg
Freie Arbeiterinnen und Arbeiter-Union (FAU) Ortsverband Nürnberg 
Fürther Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rasssismus
GEW Bezirk Mittelfranken
Institut für Syndikalismusforschung (Bremen)
Sozialistische Jugend Deutschlands Die Falken, Nürnberg.                                                              
Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di,
Regionalgruppe Mittelfranken

Gründung der syndikalistischen Ortsvereins der FAUD in Fürth, 1920 (Der Syndikalist, Nr. 45/1920)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rede zum 150. Geburtstag von Fritz Oerter

Fürth, zum 19. Februar 2019

Es gibt einige Städte, in denen Anarcho-Syndikalisten postum gewürdigt wurden. Sie wirkten durch ihre Persönlichkeit, wenngleich sie nicht an allen Orten einer freiheitlichen und emanzipatorischen Arbeiterbewegung zum Durchbruch verhelfen konnten. Besonders deutlich wird dies in kleinen Städten, in denen sie Geschichte schrieben. Erinnert sei in dieser Hinsicht beispielsweise an Wilhelm Schroers in Delmenhorst bei Bremen, an Karl Dingler in Göppingen bei Stuttgart oder an Otto Wolf in Naumburg an der Saale. Sie alle gehörten wie der hier am 19. Februar 2019 geehrte Fritz Oerter der „Freien Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD) an, einer Gewerkschaft mit zeitweilig 150.000 Mitgliedern. Während seine Genossen in der Regel mit Stolpersteinen gewürdigt werden, wird für Fritz Oerter in der Oberen Fischerstraße 3 eine Gedenktafel angebracht. Dort befand sich die von ihm gegründete Leihbibliothek. Unterstützt wird dieses Gedenkprojekt vom Altstadtverein Fürth, von der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter Union (FAU) Ortsverband Nürnberg, dem Fürther Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus und vom Institut für Syndikalismusforschung.

Fritz Oerter

Fritz Oerter gilt als klassisch gebildeter Kulturphilosoph mit reger publizistischer Tätigkeit. 1869 in Straubing geboren, besuchte er eine Realschule in Fürth. Hernach arbeitete der junge Mann als Lithograph und politisierte sich in der Sozialdemokratie. Als diese sich jedoch zum Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend dem Kapital und der Staatsmaschinerie andiente, wechselte er zur anarchistischen Bewegung. Damit blieb er den Idealen der Arbeiterbewegung treu, der es darum ging, zum Sozialismus, zu einer klassenlosen und herrschaftslosen Gesellschaft zu gelangen. Den Ersten Weltkrieg konnte die kleine Bewegung indes nicht verhindern. 1918/19 gehörte Fritz Oerter dem Arbeiter- und Soldatenrat in Fürth an. Nachdem sich der Kapitalismus in Republikform zügig restaurierte und die Arbeiterschaft abermals in die Knechtseligkeit zwang, beließ es Oerter nicht beim Anarchismus, sondern sah ein wirksames Mittel zur Überwindung des Kapitalismus in der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft der FAUD.

Ideale und Widrigkeiten

Die FAUD verfolgte die Umgestaltung des gesamten gesellschaftlichen Lebens in selbstverwaltete Produktions- und Konsumtionselemente. Administrative und damit politische Funktion kam dabei den Institutionen der „Arbeitsbörsen“ zu, welche die zentralen Verwaltungs- und Entscheidungsinstanzen bildeten. Die politische Funktion sollte strikt föderalistisch aufgebaut sein, die Betriebe in Selbstverwaltung von den Belegschaften übernommen werden. Als dritter Faktor neben Wirtschaft und Politik trat das Kulturelement auf den Plan. Schließlich scheiterte die Novemberrevolution vor allem an der Unfähigkeit des Proletariats, an ihre eigenen Kräfte zu glauben und sie folgerichtig gegen die Konterrevolution durchzusetzen. Sie wussten nichts anderes mit ihrer Macht anzufangen, als in großer Mehrheit artig die bürgerliche Nationalversammlung zu wählen. Damit vertrauten sie abermals genau denjenigen sozialdemokratischen Führern, die sie mit Hurra und Patriotismus durch den Krieg führten. Ohne die Sozialdemokratie wäre der Krieg nicht zu führen gewesen, und ihre Zentralgewerkschaften – heute DGB – bliesen noch 1917 eifrig Durchhalteparolen mit Anexionsgelüsten.

Dieses Kulturdefizit durch Aufklärung aufzuheben, lag Fritz Oerter besonders am Herzen. Der Schüler des anarchistischen Philosophen Gustav Landauer schrieb in vielen Presseorganen der freiheitlichen Arbeiterbewegung, bei den Syndikalisten, den Anarchisten, den Sexualaufklärern, den Frauenbünden, der anarcho-syndikalistischen Jugendbewegung. Seine Definition von Kultur klang folgendermaßen:

„Für mich ist Kultur Arbeit in rein sozialistischem Sinne. Ich fasse unter diesem Begriff alle aktive Wirksamkeit der Menschheit zusammen durch Hand- und Kopfarbeit der Erde und dem Leben eine möglichst große Menge von materiellen und ideellen Werten abzugewinnen, um diese allen Menschen ohne Ausnahme nutzbar und zugänglich zu machen. In der Art der ausgleichenden gerechten Verteilung oder Zugänglichkeit zu allen Kulturerrungenschaften erblicke ich den Höhen- oder den Tiefstand der Kultur […] Nicht die Nation und nicht der Kapitalismus dürfen es wagen, sich als die Träger der Kultur aufzuspielen, einzig und allein ist es die werktätige Menschheit, welche wahre Kultur schaffen kann, wenn sie die Grenzen der Staaten nicht mehr anerkennt, sich international solidarisch vereinigt, den Kapitalismus, diese internationale Landplage und Völkergeißel in die Versenkung verschwinden lässt, indem sie ihm alle weiteren Dienstleistungen entzieht und die freie, herrschaftslose Bedarfs- und Gemeinwirtschaft begründet […] niemand wird es wagen, das was uns heute umgibt, Kultur zu nennen. Kapitalismus und Kultur, Militarismus und Kultur, Justiz und Kultur, Kirche und Kultur: das sind unvereinbare Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen. Alle diese Mächte gehen auf die Vergewaltigung des Menschen aus, sie begünstigen die Einen und unterdrücken die Andern (…) In jeder Form ist Gewalt Unkultur […] Wahre Kultur muß erst geschaffen werden. Ihr Träger kann und wird nur die alle geistigen und materiellen Werte schaffende international solidarisch verbundene Menschheit sein, die den engstirnigen Nationalismus wie auch den Kapitalismus siegreich überwunden hat.“ („Der Syndikalist“,  Nr. 2/1922)

Auch in Fürth gab es eine kleine syndikalistische Gewerkschaftsbewegung mit mehreren Dutzend Mitgliedern, in Nürnberg hatte die FAUD mehrere hundert Anhänger und waren unter den Holzarbeitern in Arbeitskämpfen aktiv. Im Raum Nürnberg-Fürth etablierten sich auch anarcho-syndikalistische Kinder- und Jugendgruppen, Frauenbünde, Sexualberatungen und Büchergilden. Die Bewegung wurde nicht nur von den Staats- und Wirtschaftseliten, sondern mit besonderem Eifer auch von der Sozialdemokratie bekämpft. Mit den schmutzigsten Mitteln duldete sie vor allem in den Betrieben keine Konkurrenz neben sich. Betroffen waren sie in den Bleistiftfabriken Faber und Lyra. So hieß es  in der syndikalistischen Presse: „Brotlosmachung und Existenzvernichtung wegen Bekenntnis zu Syndikalismus sind hier an der Tagesordnung. [Sozialdemokratische Funktionäre] treten […] in trauter Harmonie als ‚Betriebsräte’ zusammen und verlangen vom Unternehmer stereotyp, dass der und der Arbeiter bzw. Arbeiterin entlassen werden müssen, weil sie Mitglieder der syndikalistischen Arb[eiter]—Föderation sind und ein Zusammenarbeiten mit Syndikalisten die Leitungsfähigkeit schmälern würde.“ („Der Syndikalist“, Nr. 25/1920)

Die Nazis

Bayern blieb auch während der Weimarer Phase eine „Ordnungszelle“, und seit 1930 erwiesen sich die Reichsregierungen unter Brüning und von Papen als nicht zimperlich im Umgang mit Verboten, Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. So war es für die Nazis im Bündnis mit den konservativen Eliten leicht, die Arbeiterbewegung zu zerschlagen und damit auch die anarcho-syndikalistischer Organisation. Die Genossinnen und Genossen kamen in Massen in Schutzhaft – heute Vorbeugegewahrsam genannt. Einige, wie der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam, wurde von Polizei und SA erschlagen. 1935 starb auch Fritz Oerter an den Folgen seiner Haftzeit.

Fritz Oerters Vermächtnis

Ein Gedenken an Fritz Oerter darf nicht bei der Ächtung des Nazifaschismus stehen bleiben. Vielmehr müssen die Ursachen beseitigt werden. Faschismus ist eine Spielart bürgerlich-kapitalistischer Herrschaft, der sich zuvorderst gegen die werktätige Bevölkerung richtet, um den Aufbau eines herrschaftslosen Sozialismus zu verhindern. Schafft es die Sozialdemokratie nicht, die Klassenverhältnisse zugunsten des Kapitals zu befrieden, werden diktatorische Verhältnisse geschaffen. Dazu hätte in Deutschland freilich eine Hugenberg-Hindenburg-Allianz ausgereicht. Dennoch finanzierte die Großindustrie künftige Kriegsgewinne kalkulierend, gezielt die Hitlerbewegung.

In Zeiten aktueller Wirtschaftskrisen tritt mit der AFD eine nationalliberale Partei auf den Plan, die über auffallend viel Geld verfügt und schlagartige Erfolge erzielt. In Österreich ist die FPÖ an der Regierung beteiligt, und auch in Frankreich etablierte sich mit „Front National“ eine rechtsnationale Partei mit Regierungsambitionen. Die Türkei ist faschistisch und auch in Brasilien geht’s den Sozialisten unter der Marionette Jair Bolsonaro an den Kragen.

Fritz Oerter gehörte einer internationalen Arbeiterbewegung an, die ihre Kräfte aufbot gegen die reaktionäre Allianz aus politischem Zentralismus, kapitalistischem Wirtschaftssystem und kulturschädigendem Kirchentum.

Die Botschaften Oerters sind aktuell. Die Grundlagen für den Sozialismus bilden selbstbewusste und solidarische Menschen, die das gesellschaftliche Leben in die eigenen Hände nehmen und der Entstehung von Herrschaftsstrukturen im Keim entgegenwirken. Es reicht dabei nicht aus, sich den neuen faschistischen Tendenzen entgegenzustellen. Von großer Bedeutung ist der Aufbau selbstverwalteter Strukturen, um einst das Wirtschaftsleben zu kontrollieren und damit auch die politischen Verhältnisse sinnvoll und bedürfnisgerecht bestimmen zu können. Fritz Oerter vertrat einen tiefen Humanismus und Menschenliebe. Darauf sollte die künftige Gesellschaft gedeihen.

Helge Döhring

Institut für Syndikalismusforschung, Bremen

 

Zum Weiterlesen

Fritz Oerter: Texte gegen Krieg und Reaktion, Lich 2015, hgg. Helge Döhring in der Reihe: „AnarchistInnen & SyndikalistInnen und der Erste Weltkrieg“

https://www.fuerthwiki.de/wiki/index.php/Fritz_Oerter

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Syfo in Bielefeld

Zum Thema „Anarcho-Syndikalismus“ als Einheit von Forschung und Bewegung“ stellte Helge Döhring vom Institut für Syndikalismusforschung am 30. März 2019 vor knapp 20 Zuhörerinnen und Zuhörern verschiedene Aspekte der Forschungsarbeit vor. Auf Einladung der FAU-Bielefeld kamen in deren Gewerkschaftslokal einige Ideen von Basisaktivitäten auf, wie historische Forschungen für die aktuelle Bewegung nützlich sein können.

Ob es das Intervenieren an bedeutenden Jahrestagen ist, lokale Gedenkaktivitäten oder die Ausarbeitungen von Zukunftsperspektiven; die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Bewegung kann enorm hilfreich sein. Das Etablieren eigener anarcho-syndikalistischer Wertmaßstäbe, perspektivisches Denken und Handeln und die selbständige Aneignung (klassischer) Bildung sind die Voraussetzungen für eine ernstzunehmende anarcho-syndikalistische Gewerkschafts- und Kulturbewegung.

Für die praktische Idee eines libertären historischen Stadtführers für Bielefeld lägen leider nur wenige syndikalistische Zeugnisse zugrunde, so die Anwesenden, dafür erläuterte der Referent die Möglichkeiten einer aktuellen praktischen Bewegung. Von Bedeutung seien beispielsweise der Erwerbslosensektor und die stets wachsenden, neuen und prekären Arbeitsbereiche. Dort können sich Kämpfe entfalten, da sich noch keine DGB-Gewerkschaften als Konkurrenz etabliert haben. Wo solche bestehen, so zeigt die Geschichte auf, hat der Anarcho-Syndikalismus keine Chance mehr. Der Referent legte dar, welcher perfiden Mittel sich diese Zentralgewerkschaften sich gegen syndikalistische Kollegen bedienten. Dies sei ein Hauptfaktor für den Niedergang der FAUD in den frühen 1920er Jahren gewesen. Ein Zuhörer verwies diesbezüglich auf aktuellere Geschehen und erläuterte die üble Rolle der IG-Metall gegenüber der selbstorganisierten und von der FAU unterstützten Belegschaft der Fahrradwerke in Nordhausen 2007.

Zuvor erörterten die Anwesenden die Kulturfrage, und waren der Auffassung, diese sei die wichtigste: Die gewerkschaftliche Interessenorganisation könne zwar kurzzeitig viele Menschen vereinen, aber die gewonnenen Mitglieder bleiben nur, wenn sich auch weltanschaulich einiges festigt. Sonst wandern die Mitglieder zu marxistischen Organisationen ab, weil diese auf dem Gebiet etwas anzubieten haben. Deshalb muß die Gewerkschaftsbewegung um bestimmte anarchistische Klassiker bereichert werden. Döhring verglich dann die FAUD zu Beginn der 1920 er Jahre mit der heutigen FAU in Berlin und betonte, dass eine längerfristige Einbindung durch Bildung der neuen Mitglieder mindestens ein paar Jahre Zeit braucht. Die damalige FAUD hatte diese Zeit nicht in den instabilen Verhältnissen zur Zeit der Weimarer Republik. Die Fragen aus dem Publikum zeugten von viel Wissensdurst, die Veranstaltung verlief sehr interaktiv und die Anwesenden diskutierten dynamisch und selbständig in größeren und kleinen Gruppen weiter. Das entsprach ganz der Rolle des Instituts als Stelle zur Selbstermächtigung, als Partner von gleich zu gleich. Alle können Forschen, unabhängig vom Schulabschluß. Im Institut wird niemand besoldet, es ist unabhängig von Geldern. In diesem Sinne stellte der Referent auch die freie Kooperationen mit Verlagen, Vertrieben, anderen Forschungsbetrieben, Zeitschriften, Aktivisten, Forschern usw. vor. Auf diese Weise werde das Ideal der gegenseitigen Hilfe praktisch umgesetzt, so dass das Finanzwesen kaum eine Rolle spielt. Damit werde der Gefahr von Korruption (von Aktivisten und Forschern) vorgebeugt.

Besucht das FAU-Gewerkschaftslokal in der Metzer Straße 20. Euch erwarten aufgeschlossene und hilfsbereite Menschen sowie eine wahre Fülle gut sortierter libertärer Literatur.

http://bielefeld.fau.org

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„Europareise durch die Freiheit“ in Kaiserslautern

Durch Jahrtausende libertärer Geschichte

Voll war das „Eselsohr“ in Kaiserslautern am 9. März 2019. Über 30 Zuhörer waren in den libertären Infoladen & Kulturtreff in der Pirmasenser Straße 48 gekommen, um „Geiles aus der Weltgeschichte“ zu hören, oder präziser gesagt, eine „Europareise durch die Freiheit“ zu unternehmen. Helge Döhring vom Institut für Syndikalismusforschung war von der FAU-Kaiserslautern eingeladen worden, knapp ein Dutzend historische Stationen zu beleuchten, in denen freie Gesellschaften bzw. emanzipatorisches Aufbegehren von teils weltgeschichtlicher Bedeutung bestanden. Von der Gegenwart im kurdischen Rojava (Nordsyrien) ausgehend, streifte er bekanntere Ereignisse, wie die Spanische Revolution von 1936 und die Machnobewegung um 1920. Über die Pariser Kommune von 1871, die Märzrevolution von 1848 und die Bauernkriege in Deutschland von 1525 und 1234 (Stedinger) gelangte er zu einigen Germanenstämmen diesseits und jenseits Christi Geburt. Spartacus und seine Mannen der Antike der Jahre 73-71 v. Chr. stellte der Referent in ihren hehren Absichten und ihrer Kampfkraft in eine Reihe mit Buenaventura Durruti und Nestor Machno. Bei aller Kritik an der Exklusivität der athenischen Demokratie im 5. Jahrhundert v. Chr., fand auch diese ihre Würdigung in der Veranschaulichung basisdemokratischer Elemente. Schließlich ging es über den ersten weltgeschichtlich überlieferten Streik im Agypten des Jahres 1159 v. Chr. (Regierungszeit von Ramses III) zurück Richtung Kurdistan: In der heutigen Südtürkei fanden Archäologen Städte aus der Jungsteinzeit, die seit 7.300 v. Chr. über mehrere Tausend Jahre hinweg ohne Zentralgewalten friedlich existierten. Exemplarisch betrachtete Döhring die Stadt Catal Hüyük.

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Gedenken an 100 Jahre Räterevolution in Bremen

Bei frühlinghaften Wetter gedachten am Samstag, den 16. Februar 2019 etwa 20 Interessierte der Bremer Räterevolution, die vor 100 Jahren am 4. Februar 1919 ihr Ende fand. Auf den Waller Friedhof hatte dazu die Initiative „Syndikalistischer Neustart“ eingeladen, und zwar unter dem Titel:  „Gedenken und nach vorne schauen. 100 Jahre Niederschlagung der Bremer Räterepublik“. Helge Döhring vom Institut für Syndikalismusforschung referierte zum Thema und erörterte die Rolle und die Stellung der syndikalistischen Arbeiterbewegung zur Bremer Räterepublik.

Sein Fazit lautete: Die Räterepublik war von vorn herein zum Scheitern verurteilt, weil die sozialdemokratische Arbeiterschaft nie gelernt hatte, sich selber zu organisieren und auch keine Vorstellungen einer künftigen klassenlosen Gesellschaft entwickelt hatte. Sie hing stets an den Rockzipfeln ihrer Führer, was ihnen ja auch in der Schule und beim Militär nicht anders beigebracht wurde. Insofern hatte die revolutionäre Bewegung keine inhaltliche Substanz und mußte schon aus sich heraus scheitern. Als sie die Macht hatten, wußten sie nichts besseres damit anzufangen, als dieselbe wieder genau denjenigen Führern in SPD und Zentralgewerkschaften anzuvertrauen, die sie in den Krieg führten. Für einen Großteil des Publikums waren diese Aspekte Neuland. Entsprechend aufmerksam verfolgten sie den Vortrag.

Die heutigen „offiziellen“ Gedenken werden von genau denjenigen Kräften initiiert und unterstützt, die damals innerhalb der Rätestrukturen einer authentischen Rätebewegung im Wege standen und die Syndikalisten von den Wahlen zum Arbeiterrat ausschlossen.

Die Tradition des eigenständigen anarcho-syndikalistischen Gedenkens am Rätedenkmal gibt es seit 20 Jahren. Die Intention der Initiative „Syndikalistischer Neustart“ besteht im „Austausch über Organisationskonzepte für den Aufbau sozialer (Gegen-)Macht“. Mögen die Ausführungen dabei helfen.

Literatur:

Peter Kuckuk: Bremen in der Deutschen Revolution 1918–1919. Revolution, Räterepublik, Restauration, Bremen 1986

FAU-Bremen (Hg.): Syndikalismus und Räterevolution in Bremen 1918/19. Mit einem Streifzug über die Gedenkfeierlichkeiten auf dem „Waller Friedhof“ bis heute. Bremen 2008, online als pdf

https://syndikalismusforschung.wordpress.com/2012/05/29/frei-die-stadt-bremens-syndikalistischer-stadtfuhrer/

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