Vor 100 Jahren

Oktober 1922 – Dokumente aus dem Syfo-Archiv

Aus Augsburg wird berichtet: [1922]

In Augsburg wurde vor kurzer Zeit unter großen Schwierigkeiten eine Ortsgruppe der FAUD ins Leben gerufen. Ein Mitglied des Metallarbeiter-Verbandes der Ortsgruppe Augsburg ließ durch den Hauskassierer seinen Austritt erklären. Der Hauskassierer sagte bereits, dass der Austritt jedenfalls ein Nachspiel haben könnte. Ein paar Tage später wurde der Betriebsrat der M.A.N., wo das ehemalige Verbandsmitglied beschäftigt war, vom Verbandsbüro über diesen Fall unterrichtet. Ein Mitglied des Betriebsrates W. besuchte den Genossen in der Werkstatt und erklärte ihm: ‚Soeben wurde mir vom Verbandsbüro des DMV [Deutscher Metallarbeiterverband – Vorläufer der heutigen IG-Metall] benachrichtigt, dass Sie ihren Austritt erklärt haben. Sie tragen sich mit dem Gedanken, der FAUD beizutreten. Ich warne Sie davor. Sie hätten davon die Konsequenzen zu tragen. Ich versichere, dass Sie dann die längste Zeit bei uns beschäftigt waren.’

Das sind die zentralverbändlerischen Kampfesmethoden. Gegen Mißstände im Betrieb, gegen Unterdrückung und Ausbeutung wagt man nicht anzukämpfen, aber zum Terror gegen Arbeitsbrüder langts gerade noch. Betriebsräte sind heute die Kulis der Verbandsbürokratie und des Unternehmertums. Wäre es nicht richtiger, dass der Betriebsrat W. auf das Gebiet der Überstunden mehr sein Augenmerk richtete? Darüber aber gibt es freilich keine Direktiven vom Verbandsbüro.

Ein Sprichwort sagt: Was nicht zu befürchten ist, braucht man auch nicht zu bekämpfen. Die Zentralverbandsbeamten und ihre Zöglinge müssen also doch die FAUD stark fürchten. Menschen, die sich aus den Schlingen der Zentralverbände freigemacht haben, arbeitslos zu machen, zeigt eine starke Gesinnungslosigkeit. Dem freidenkenden Teile der Arbeiterschaft dieses Betriebes aber rufen wir zu: Nehmt den Kampf auf gegen den zentralistischen Terror! Schließt euch der FAUD an, wo ihr als freien Menschen euer Selbstbestimmungsrecht habt. R. W.

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 41/1922.

Die Spalten des „Syndikalist“ waren voll von ähnlichen Meldungen aus dem gesamten Reichsgebiet.

Zu dieser auch heute brandaktuellen Problematik siehe:

„ADGB-Terror gegen Syndikalisten 1919/1920“ in

Helge Döhring: Konflikte und Niederlagen des Syndikalismus in Deutschland, Bodenburg 2022

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s