Vor 100 Jahren

August 1922 – Dokumente aus dem Syfo-Archiv

Aus der Bewegung

Dresden

[Für die Abbildung danke an die Anarchistische Bibliothek Wien]

Der im November 1921 gegründete Frauenbund wächst und gedeiht. Die in ihm organisieren, mit glühender Begeisterung für die große, ideale Sache der Menschheitsbefreiung erfüllten Frauen, sind mit heiligem Eifer dabei, den Bund weiter auszubauen und den Worten die Tat folgen zu lassen.

So wird z.B. die „Gegenseitige Hilfe“ praktisch angewandt. Man hilft einander in jeder Lebenslage. Man unterstützt sich gegenseitig in materieller, ideeller, geistiger, seelischer und wirtschaftlicher Hinsicht.

Es sind bereits Verhandlungen im Gange zum Ankauf eines „Gemeinschaftshauses“ (Einküchensystem). Einige Genossinnen haben sich bereit erklärt, ihre Wohnungen dem Wohnungsamt zur Verfügung zu stellen, um sich bereits heute dem Gemeinschaftswesen einzugliedern. Die Genossinnen und auch die Genossen, besonders die Jugend, bemüht sich ständig, ein Stück Land ausfindig zu machen, um daraus eine „Siedlung für das Gemeinschaftsleben“ einzurichten.

In der letzten Sitzung, am 2. August 1922, hatte der Frauenbund die Jugend eingeladen. Sie war zahlreich erschienen. Man verständigte sich über die Gründung von „Kindergruppen“ und Zusammenarbeit in allen anderen Zweigen. Die Jugendgenossen und -genossinnen erklärten sich mit Begeisterung bereit, dem Bund mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Viele gute und anregende Vorschläge wurden von ihrer Seite gemacht und von allen Frauen mit vollem Verständnis aufgenommen.

Jeden Dienstag von 4 Uhr an finden die Zusammenkünfte der Jugend und Kinder jeden Alters im Ostragehege am Spielplatz statt. Da gibt es Tanz, Gesang, Spiel, Sport, ernste und muntere Unterhaltungen. Alle Väter und Mütter, sowie alle Menschen mit jungen Herzen und heiterem Sinn sind herzlichst eingeladen, daran teilzunehmen.

Ferner ist die Gründung eines „Waren-Konsums“ erwogen worden. Das ist der Warenbezug aus direkter Quelle. Der Waren-Versand vom Erzeuger an den Verbraucher. Es wird hier der so sehr schädliche und verteuernde Zwischenhandel ausgeschaltet. Später soll sich der direkte Verkehr zwischen Erzeuger und Verbraucher ausgestalten zum „Austausch der Produkte“ zwischen Stadt und Land.

Alle, dem Bunde angeschlossenen Frauen sind bemüht, sich persönlich von allen Vorurteilen und Schlacken der kapitalistisch-bürgerlichen Erziehung und Wirtschaft frei zu machen und sich zu freien, selbstbewußten, tat- und opferbereiten Kämpferinnen zu entwickeln, um durch ihr persönliches Vorbild auf noch Fernstehende zu wirken und ihnen zu zeigen, dass unsere Freiheits- und Menschheitsideale keine Utopie sind und sofort, heute, morgen und übermorgen verwirklicht werden könnten, wenn alle, alle das Wollen und die Kraft zur Ausführung in sich hätten.

Ja, ein Vorbild wollen wir sein: den Männern, den Frauen, der Jugend und den Kindern. Und alle werden sie uns nachfolgen und mit uns gehen.

Allen öffentlichen Veranstaltungen, die geeignet sind, Menschenrechte, Freiheitsbestrebungen, Kulturwerte zu fördern, sagt der Frauenbund seine tatkräftige Mithilfe zu und ist bereit, mit solchen Organisationen jederzeit in Verbindung zu treten.

Alle Genossinnen sind von dem brennenden Wunsch beseelt, dass die „Frauenbünde“ sich an allen Orten zu geistigen und wirtschaftlichen Machtfaktoren entwickeln und sich bald zu einem „Internationalen Frauenbund“ ausgestalten, der die Aufgabe hat, die ganze Menschheit in eine einzige Familie zu verwandeln. Dann erst wird die Epoche der wahren Kultur, „der Menschheitskultur“, anbrechen, und mit ihr Licht! Glück! Freiheit einziehen! All dies kann das Werk der Frauen zustande bringen.

Hannel Strube

Aus: „Der Frauen-Bund“, Nr. 9/1922.

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