„Sein Kampf war unser Kampf”

Nach und nach werden wir ausgewählte informative Beiträge aus dem Jahrbuch „Syfo – Forschung & Bewegung” hier auf unserem Blog veröffentlichen. Wir beginnen mit einem Artikel über den italienischen Anarchisten Franco Serantini aus dem Jahrbuch für 2012.

40 Jahre seit der Ermordung von Franco Serantini

Am 7. Mai 2012 jährte sich die Ermordung des italienischen Anarchisten Franco Serantini zum 40igsten mal. Er wurde von Polizisten totgeschlagen als er sich einem Aufmarsch von Neofaschisten in Pisa entgegen stellte. Seiner Ermordung folgte der Versuch der Vertuschung der Todesumstände durch die staatlichen Behörden. Ein Verhalten wie es auch genauso bei der Ermordung des bekannten Eisenbahners und Anarchisten Giuseppe Pinelli der Fall war, der am 15. Dezember 1969 in Mailand aus dem vierten Stockwerk des Polizeigebäudes auf die Straße geworfen wurde. Oder so, wie es nach der Erschiessung des Globalisierungsgegners Carlo Giuliani durch Carabinieri am 20. Juli 2001 in Genau bis heute der Fall ist. „Hat ein Anarchist aufgrund seiner Weltanschauung keinen Anspruch auf Gerechtigkeit durch die Justiz” fragt daher Peter O. Chotjewitz im Vorwort des empfehlenswerten Buches von Corrado Stajano „Der Staatsfeind”. Das Buch ist 1976 in Wagenbachs Taschenbücherei auf deutsch erschienen und nimmt sich dem Leben und Tod von Franco Serantini auf eindrucksvolle Weise an. Autor und Übersetzer beziehen eine klare Stellung gegen die Vertuschung des Mordes aus Staatsräson, untersuchen den Tathergang, beleuchten die Hintergründe, Absichten und Interessen. Sie unterziehen die italienische und deutsche Gesellschaft jener Zeit einem heute noch erhellenden Vergleich darüber, (dies auch anhand der Ermordung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in Berlin) wie hier und dort auf die Ermordung eines Revolutionärs durch den Staat, den Polizei- und Justizapparat und die Politik reagiert wurde; wie die Medien eine solche Situation darstell(t)en und was die Reaktionen der Bevölkerung darauf waren. Ohne dieses Buch wäre der Mord und seine Hintergründe einer größeren Öffentlichkeit in den deutschsprachigen Ländern wohl bis heute unbekannt geblieben.

Wer war Franco Serantini?

Franco Serantini war aktives Mitglied der Anarchistischen Gruppe „Pinelli” in Pisa, die sich nach dem in Mailand ermordeten Guiseppe Pinelli benannt hatte. Zu seinen regelmäßigen Aktivitäten gehörte die Mitarbeit bei der Gefangenenhilfsorganisation „Rote Hilfe” sowie beim „Roten Markt” im proletarischen Stadtteil Centro Edilizia Popolare, dem CEP, auf welchem, sehr zum Missfallen der berufsmäßigen Händler, Gemüse und andere Lebensmittel zum Selbstkostenpreis an Familien und Angehörige der arbeitenden Klasse verkauft wurden. Die AnarchistInnen sowie die Anhänger der linksradikalen klassenkämpferischen, außerparlamentarischen Gruppe „Lotta Continua” („Ständiger Kampf”) verbanden damit außerdem die Absicht, innerhalb der arbeitenden Klasse bekannter zu werden und dadurch ihre Ideen besser verbreiten zu können. Franco Serantini war selber Arbeiter (u.a. war er Lochkartenperforator), oftmals Tagelöhner, und besuchte zudem Vorlesungen an der Universität in Pisa als Gasthörer.

Serantini wurde am 16. Juli 1951 in Cagliari, der Hauptstadt Sardiniens geboren. Nach seiner Geburt wurde er von seinen unbekannt gebliebenen Eltern vor dem Waisenhaus ausgesetzt. Mehrmals wechselten seine Adoptiveltern und einen Großteil seiner Kindheit und Jugend musste er in den staatlichen und kirchlichen Waisenhäusern verbringen. In dieser lebensfeindlichen Umwelt herrschte autoritäre Bevormundung und ein Mangel an Menschlichkeit. Mit 15 Jahren kam es zu den ersten Auseinandersetzungen mit den Anstaltsleitern, als er sich gegen Entscheidungen von diesen wehrte. Mit 17 Jahren entscheidet schließlich ein Gericht auf Veranlassung der Anstaltsleitung des Waisenheims „Zum Guten Hirten” das er einer psychologischen Untersuchung in Florenz unterzogen werden soll. Auf diese Weise verlässt er die Insel. In Florenz wurde er von den ihn untersuchenden Ärzten und Fürsogern als „überdurchschnittlich intelligent” erklärt und in die halb-offene (bedeutet: Essen und Schlafen im Heim) Erziehungsanstalt für männliche Jugendliche „Pietro Thouar” in Pisa überwiesen. In der Stadt gibt es eine bemerkbare linke Öffentlichkeit, die sich neben anderem sowohl durch StudentInnen der Universität als auch durch Arbeiter des Piaggio-Werkes (das die bekannten Motoroller herstellt) präsent zeigt. Franco Serantini kommt in Kontakt mit verschiedenen kommunistischen Gruppen, die er aber, wie sein Biograph Corrado Stajano beschreibt, „mit den autoritären Strukturen und bürokratischen Zwängen vergleicht, … die er erfahren hat. […] Was ihn verwirrt, sind die Widersprüche und Unwahrheiten, die Konflikte zwischen Wahrheit und Opportunismus, die Übervorsicht und der langsame Gang der Dinge. Er möchte von Valpreda1 (1) sprechen, vom ‚Staatsmassaker‘. Das steht nicht auf der Tagesordnung antwortet man ihm, und er wird wütend. Er verläßt die Jungkommunisten und die Jungsozialisten und taucht immer öfter in den Räumen der „Lotta continua” in der Via Palestro auf.”2 (2) Wir erfahren auch, weshalb er diese Gruppe wieder verlässt: „Mit den Aktivisten der „Lotta continua” hatte er […] ein Zerwürfnis. […] Er hat sie in Verdacht, sich als Führungsgruppe zu fühlen und hierarchisch-bürokratische Bestrebungen zu unterstützen. Er verträgt die Führerchen nicht, die niemals scherzen. Er, der selber so ernst ist, wirft ihnen eine grundlose Ernsthaftigkeit vor, die kleinen Professoren missfallen ihm, er mag die doktrinären jungen Herren nicht, die die politische Linie diktieren, die Genossen in verschiedene Kategorien einteilen und die Genossinnen diskriminieren.”3 (3) 1971 erfolgte seine Hinwendung zum Anarchismus. Nachdem er regelmäßiger Besucher der Zusammenkünfte der anarchistischen Gruppe „Pinelli” in der Via San Martino war, trat er der Gruppe Ende des Jahres als Mitglied bei. Er verfasste mehrere Flugblätter und engagierte sich zusammen mit den anderen Genossinnen und Genossen der Gruppe Pinelli an den verschiedensten Aktivitäten. Zudem bezog die Gruppe in mehreren Flugblättern auch Stellung zu den Massenverhaftungen von Anarchisten, denen die Verantwortlichkeit von Bombenanschlägen untergeschoben werden sollte. Eines dieser Manifeste betitelte die Gruppe Pinelli mit der Überschrift: „Warum will man die Anarchisten und mit ihnen den Fortschritt der Arbeiterklasse treffen?” Um dann auszuführen, das sich der „Schlag gegen die Anarchisten” gegen „die Arbeiterklasse und die Kämpfe, die sie führt” richte, da sie revolutionär seien und „sich nicht länger in die gewerkschaftliche Logik (die den sozialen „Frieden” zwischen den Klassen garantiere – Anm.Verf.) einfügen.”4 (4) Die Anarchisten seien die revolutionärste Kraft und die entschiedensten Gegner des Staates.

Der 7. Mai 1972

Auch im antifaschistischen Kampf nahmen (und nehmen) die Anarchisten eine wichtige Rolle ein. Das Augenmerk wird dabei weniger auf das „Mahnen” und „symbolische Protestieren” gelegt, wie dies bei den bürgerlichen und bürgerlich-sozialdemokratischen/kommunistischen Organisationen die Regel ist. Stattdessen wird mit dem Begriff des Antifaschismus der tatsächliche Kampf gegen Neofaschisten und faschistische Entwicklungen (sei es in Form neofaschistischer Organisationen oder einer immer stärker werdenden autoritären Entwicklung im Staat, welche die Freiheitsrechte einschränkt oder abschafft) verbunden. Dazu gehört auch die direkte Konfrontation der Faschisten, um diese in ihrer Entwicklung zu stoppen. Dieses Ziel setzten sich auch die AntifaschistInnen in Pisa, als die Neofaschisten des „Movimento Sociale Italiano” (MSI), der „Italienischen Sozialbewegung”, die von Gefolgsleuten des faschistischen Diktators Mussolini 1946 gegründet wurde, ankündigten am 5. Mai 1972 in Pisa eine Wahlkampfversanstaltung abzuhalten.5 (5)

Die Neofaschisten hatten sich dafür den kleinen zentralen Platz an der Largo Ciro Menotti ausgewählt, der in einem belebten Zentrum in der Innenstadt liegt. Alle Organisationen und Gruppen der Linken mit Ausnahme der Ortsgruppe der Kommunistischen Partei Italiens mobilisierten zur Verhinderung der faschistischen Kundgebung. Die Stadverwaltung, in der Furcht vor gewalttätigen Auseinandersetzungen, forderte aus Rom polizeiliche Spezialeinheiten an. Darunter auch die für ihre Gewalttätigkeiten bekannte „celere” („Die Schnelle”), die vom christdemokratischen Innenminister Scelba nach dem 2. Weltkrieg in der Absicht gegründet worden war, Streiks, Demonstrationen und „sonstige Unruhen” niederzuschlagen. Die celere (heute unter dem Namen „Reparto Mobile” eingesetzt) war schon damals für ihre Brutalität berüchtigt.6 (6) Zusätzlich werden 500 Carabinieri und 100 Fallschirmjäger in die Stadt beordert. Die gesamte Innenstadt ist voll von Polizei. Das antifaschistische Bündnis erklärte dennoch: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als das der MSI in Pisa spricht.”

Am 5. Mai marschieren etwa 200 Neofaschisten, die meisten von ihnen schwarz uniformiert, zu der Kundgebung in der Innenstadt auf. Die Polizei bildet Ketten um die Kundgebung der Faschisten zu schützen und bringt Wasserwerfer in Position. Zahlreiche Polizisten haben Maschinenpistolen in den Händen. Auf der anderen Seite versammeln sich etwa 300 AntifaschistInnen die Barrikaden auf der Straße errichten und nun mit Steinen die faschistische Versammlung angreifen, als der faschistische Sprecher Giuseppe Niccolai vom MSI seine rassistische Rede beginnt. Ein Augenzeuge berichtet über den Angriff der AntifaschistInnen: „Sie kamen in vier oder fünf Reihen und liefen direkt auf die Polizeisperre zu. Mich packte eine große Erregung. Es sah aus wie eine Szene aus ‚Panzerkreuzer Potemkin‘. Gleich darauf begann die Menschenjagd.”7 (7) Es kommt zum Gegenangriff der „Celere” die hunderte von Tränengasgranaten in die Menge abfeuert. Carabinieri schiessen scharf. Eine mehrstündige Strassenschlacht entfaltet sich. Die AntifaschistInnen setzen sich mit Molotov-Cocktails zur Wehr und auch die Faschisten werfen mit Molotow-Cocktails, allerdings ohne das die sie umgebenden Polizisten etwas dagegen unternehmen. Ganze Straßenzüge sind von Rauch und Tränengas eingenebelt. Die Kommunistische Partei distanziert sich von den AntifaschistInnen und erklärt noch am selben Abend, das die „linken Gruppen das Pendant zu den Faschisten sind.“ Franco Serantini steht neben einer Barrikade auf der Via Mazzini als sich ihm eine motorisierte Kolonne von 60 Mann des zweiten und dritten Zuges der dritten Kompagnie des 1. Battaillons der „celere” nähert. Die Uniformierten stürzen sich aus den Jeeps auf ihn und schlagen auf brutalste Weise auf ihn ein. Ein Anwohner und Augenzeuge, Moreno Papini, berichtet: ”Ich […9 sah, wie etwa 15 Polizeibeamte sich […] auf eine Person stürzten und sie mit unglaublicher Wut zu schlagen begannen. Sie hatten einen Kreis gebildet, so dass man nichts sehen konnte, aber aus ihren Bewegungen erkannte man, dass sie sowohl mit den Händen wie mit den Füßen als auch mit den Gewehrkolben zuschlugen. Dann plötzlich stiegen einige Beamte aus ihrem Fahrzeug weiter vorne und gingen zu der Gruppe, die die Prügel austeilte. ‚Genug‘ sagten sie. […] Es gab dann ein gewisses Gerangel zwischen den beiden Gruppen der Polizei. Dann ist einer, der Offizier zu sein schien, dazwischen getreten und hat die Person zusammen mit einem anderen Polizisten aufgerichtet. Erst in dem Moment konnte ich sein Gesicht erkennen, weil er den Kopf in den Nacken hängen ließ. Er hatte schwarze, gekräuselte Haare und eine dunkle Hautfarbe. Sie haben ihn dann zu den Fahrzeugen geschleift, während der Offizier ihm noch einige Ohrfeigen gab, um ihn wiederzubeleben.“8 (8) Die Polizisten verbringen ihn in die Kaserne der Staatspolizei „Mamelli“ wo er ohne Kraft zu haben, ohne sprechen zu können geschweige denn, aufrecht sitzen zu können, einem 15-minütigen Verhör durch den Staatsanwalt Giovanni Sellaroli unterzogen wird. Danach wird er in eine Zelle verbracht. Mitgefangene bemerken den katastrophalen Gesundheitszustand und fordern ärztliche Hilfe. Diese wird von den Polizisten verweigert. In der selben Kaserne singen die Polizisten bis in die Nacht hinein Lieder. Um 8.30 Uhr am 7. Mai stellen Gefängniswärter fest das Franco Serantini im Koma liegt. Wiederbelebungsversuche schlagen fehl; die künstliche Beatmung zeigt keinen Erfolg. Um 9.45 Uhr stirbt Franco Serantini im Alter von 20 Jahren im Polizeigefängnis.

Gleich darauf setzte die Polizei- und Staatsmaschinerie alles daran, die wahre Todesursache zu verschleiern. In den Fernsehnachrichten wird behauptet Serantini wäre an einem epileptischen Anfall gestorben. Sein Totenschein wurde gefälscht und ein Justizbeamter versuchte den Abtransport der Leiche unter dem Bruch der gesetzlichen Regelungen, die u.a. eine Karenzzeit von 24 Stunden bis zur Beerdigung vorsieht, zu beschleunigen. Ein aufmerksamer Standesbeamter vereitelte dieses Vorhaben; auch weil dem Totenschein eine „Unbedenklichkeitsbescheinigung der Staatsanwaltschaft“ fehlte. Auf juristischer Ebene ist es der Schriftsteller Luciano Della Mea, der nach einer Lösung sucht um die Hintergründe des Todes von Franco Serantini aufzuklären. Er stellt sich die Frage: „Wäre Serantini in dieser Weise gestorben, wenn er der Sohn eines Ingenieurs, eines Industriellen oder eines Bourgois gewesen wäre?“9 (9) Er tritt als Nebenkläger auf und setzt eine Autopsie des Leichnams durch. Der Untersuchungsrichter Sorbi berichtet darüber was er sah: „Ein gemetzelter Körper, überall Verletzungen, am Brustkorb, auf den Schultern, auf dem Kopf, an den Armen. Überall blutunterlaufene Stellen. An seinem Leib war keine Stelle, die keine Schläge aufwies.“10 (10)

„Lotta continua“ und die anarchistischen Gruppen sprachen sofort von Mord und verurteilten den Versuch Franco Serantinis Leichnam still und heimlich zu beseitigen. Am 9. Mai 1972 wird er schließlich beerdigt. Tausende nehmen am Trauermarsch teil, darunter zahlreiche Bewohner des CEP, ein großes Kontingent der Arbeiter der Müllabfuhr und auch der Bürgermeister läuft im Zug mit. Der Sarg ist mit einer schwarz-roten Fahnen bedeckt und wird von Mitgliedern der „Gruppe Pinelli“ auf den Schultern getragen. Die Beerdigung wird zu einer Demonstration. Vorneweg wird ein Transparent getragen: „Franco, Revolutionär, Anarchist, ermordet von der bürgerlichen Justiz“.

Vor dem Friedhof hält der alte Eisenbahner und Anarchist Cafiero Cinti eine Ansprache. Corrado Stajano berichtet darüber: „Er wendet sich an Serantini, als wäre er anwesend: ‚Franco, wir sind da. Wir haben dir immer nahegestanden. Dein Kampf war unser Kampf.‘ Danach stimmt er die ‚Internationale‘ an, und alle erheben die geballte Faust.“ Ihm folgen Ansprachen von Genossen der „Lotta continua“ und der Anarchistischen Gruppe Durruti aus Florenz. Zum Abschluss wird das anarchistische Lied „Figli dell’officina“ gesungen. „Kinder der Fabrik, oh Kinder der Erde, schon kommt die Stunde des gerechtesten Krieges.“

Was geschah nun mit den Mördern in Uniform? Diese wurden von Justizbeamten, darunter dem damaligen Generalstaatsanwalt Calamari durchgehend in Schutz genommen. Die Justiz weigerte sich jahrelang Ermittlungsverfahren gegen Tatverdächtigte in der Polizei und an der Vertuschung beteiligte in Gefängnis und Staatsanwaltschaft einzuleiten. Über drei Jahre zog sich das juristische Tauziehen hin, bis dann doch einige wenige Untersuchungen eingeleitet wurden, an deren Ende dann Verfahrenseinstellungen standen. Nur zwei Angehörige der „celere“, der Hauptmann Amerigo Albini und Wachtmeister Mario Colantoni wurden zu jeweils sechs Monaten und zehn Tagen Haft auf Bewährung verurteilt. Die Verurteilung wurde nicht in das Strafregister eingetragen. Beide blieben weiterhin im Dienst.

40 Jahre nach seinem Mord durch Polizisten ist Franco Serantini unvergessen. Regelmäßig wird seiner am Jahrestag des Mordes gedacht und in Pisa trägt eine unabhängige Bibliothek seinen Namen. (Siehe dazu das Interview mit Franco Bertolucci). Die Demokratie hat gezeigt das sie nur den Interessen einer bestimmten Klasse dient. Gleiches Recht kann es in einer Klassengesellschaft nicht geben. „Oben“ wird immer versuchen zu bestimmen, was „unten“ zu tun und zu lassen hat. Die „Strategie der Spannung“ ist dabei eine sichtbar gewordene Methode der herrschenden Kreise, das kapitalistische System mit den Mitteln von Lüge, Repression und Mord aufrecht zu erhalten. Profit und Herrschaft dürfen nicht von antikapitalistisch-sozialistischen Bewegungen bedroht werden. Werden sie zu stark und einflussreich muss der autoritäre Staat her. Dazu benutzt man dann auch die Neofaschisten, lässt sie gewähren und beschützt sie, um antikapitalistische und anarchistische Bewegungen zu unterdrücken und den Fortgang der Ausbeutung sicherzustellen. Das ist die Überzeugung, die hinter dieser Strategie steht.

Mit Franco Serantini starb ein Mensch und Genosse aus der arbeitenden Klasse, der vom Leben mehr verlangte, als ein angepasstes und fremdbestimmtes Rädchen im Getriebe der kapitalistischen Maschine zu sein. Und der wusste, das es den revolutionären Kampf bedarf, um eine menschliche, freie und herrschaftslose Gesellschaft Realität werden zu lassen.

Martin Veith

Dieser Beitrag ist erschienen in Syfo – Forschung & Bewegung #2/2012

Zum Weiterlesen

Zur „Strategie der Spannung” siehe: Luciano Lanza: „Bomben und Geheimnisse. Geschichte des Massakers von der Piazza Fontana”, Edition Nautilus, Hamburg 1998. ISBN 978-3-89401-332-5.

Corrado Stajano: „Der Staatsfeind”. Leben und Tod des Anarchisten Franco Serantini. Aus dem Italienischen von Peter O. Chotjewitz. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 1976. ISBN: 3803120268. Das Buch ist zu günstigen Preisen noch antiquarisch erhältlich.

Die Biblioteca Franco Serantini findet sich im Internet unter http://www.bfs.it/r

Einen kurzen Film zur Gedenkveranstaltung 2012 gibt es hier (in italienisch)

http://www.youtube.com/watch?v=vDr3N-FIkmM&feature=related

1 Pietro Valpreda (1933-2002) war ein römischer Anarchist. Er wurde nach dem Massaker in der Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana in Mailand am 12. Dezember 1969 zusammen mit 300 anderen Anarchisten von der Polizei verhaftet und als Hauptverantwortlicher des Anschlags bezeichnet. 16 Menschen starben bei dem Attenat. Die bürgerliche Presse machte aus ihm „Das Monster von der Piazza Fontana”. Valpreda war unschuldig, wurde aber erst nach drei Jahren aus der Haft entlassen. Hinter dem Attentat stand eine Allianz aus Staat, Polizei und Neofaschisten, welche die sog. „Strategie der Spannung” verfolgten, die eine Akzeptanz für einen totalitären Staat hervorbringen sollte. Siehe dazu das empfehlenswerte Buch von Luciano Lanza: „Bomben und Geheimnisse”.

2 Stajano, Corrado: Der Staatsfeind.. S. 55.

3 Stajano, Corrado: Der Staatsfeind.. S. 63.

4 Stajano, Corrado: Der Staatsfeind.. S. 67.

5 Im Jahr 1995 erfolgte die Umbennung des MSI in „Allianza Nazionale” (AN) (Nationale Allianz) und ein Imagewechsel, der offen faschistische Symbolik ablegte und bürgerlichere Wählergruppen ansprechen soll. Diese Veränderung machten einige – zum Teil seit Jahrzehnten aktive – Neofaschisten nicht mit und gründeten eine selbständige AN-unabhängige und offen neofaschistische Formationen; die von Pino Rauti geführte neofaschistische „Fiamma Tricolore”. Von dieser spalteten sich Rauti und seine Anhänger im Jahr 2004 ab und gründeten das Movimento Idea Sociale („Bewegung der sozialen Idee”), das deutlich auf seine Person zugeschnitten ist.Die AN selber ging im Jahr 2009 in dem Wahlbündnis „Popolo della Libertà”(„Volk der Freiheit”) unter Vorsitz des langjährigen italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi auf.

6 Vgl.: Stajano, Corrado: Der Staatsfeind.. S. 77.

7 Stajano, Corrado: Der Staatsfeind.. S. 79.

8 Stajano, Corrado: Der Staatsfeind.. S. 87.

9 Stajano, Corrado: Der Staatsfeind.. S. 96.

10 Stajano, Corrado: Der Staatsfeind.. S. 102.

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