Vor 100 Jahren

Februar 1922 – Dokumente aus dem Syfo-Archiv:

Aufruf zur Bildung von Berufs- und Industrie-Föderationen.

Kameraden! Genossen!

Zwei Jahre sind bereits verflossen seit den Tagen, wo die deutsche syndikalistische Bewegung auf ihrem 12. Kongreß eine Prinzipienerklärung beschloß, die nicht nur hier im Lande alle klarsehenden Klassenkämpfer, sondern auch in allen Ländern, wo es Revolutionäre gibt, die auf dem Boden des antiautoritären Kommunismus stehen, mit Begeisterung erfüllte. Klar und prägnant wird in der Prinzipienerklärung ausgesprochen, welche Stellung die deutschen Syndikalisten gegen alle Autoritäten wie Staat, Kirche, Zentralapparate und Institutionen auf allen Gesellschafts- und Lebensgebieten einnimmt. Diese Klarheit der Prinzipien hat in allen Ländern der Erde bei unseren Gesinnungsgenossen freudigen Widerhall und Nachachtung gefunden. Trotz dieser Tatsachen ist aber doch zu verzeichnen, daß in Deutschland, dem Lande des Überzentralismus, es ungeheuerlich schwer ist, selbst in Kreisen der schon für die Bewegung Gewonnenen, besonders was die organisatorische Seite betrifft, den Geist der Föderation in der Praxis durchzuführen.

Modell der Arbeitsbörsen der FAUD. Von den 12 angestrebten Industrieföderationen wurden nur 6 verwirklicht.

Es ist daher noch einmal darauf zu verweisen, was die Prinzipienerklärung diesbezüglich sagt!

….„Die Syndikalisten sind der Überzeugung, dass die Organisation einer sozialistischen Wirtschaftsordnung nicht durch Regierungsbeschlüsse und Staatsdekrete geregelt werden kann, sondern nur durch den Zusammenschluß aller Kopf- und Handarbeiter, in jedem besonderen Produktionszweige; durch die Übernahme der Verwaltung jedes einzelnen Betriebes durch die Produzenten selbst und zwar in der Form, dass die einzelnen Gruppen, Betriebe und Produktionszweige selbständige Glieder des allgemeinen Wirtschaftsorganismus sind, die auf Grund gegenseitiger und freier Vereinbarungen die Gesamtproduktion und die allgemeine Verteilung planmäßig gestalten im Interesse der Allgemeinheit.

Die Syndikalisten sind der Meinung, dass politische Parteien, welchem Ideenkreise sie auch angehören, niemals imstande sind, den sozialistischen Aufbau durchführen zu können, sondern dass diese Arbeit nur von den wirtschaftlichen Kampforganisationen der Arbeiter geleistet werden kann. Aus diesem Grunde erblicken sie in der Gewerkschaft keineswegs ein vorübergehendes Produkt der kapitalistischen Gesellschaft, sondern die Keimzelle der zukünftigen sozialistischen Wirtschaftsorganisation. In diesem Sinne erstreben die Syndikalisten schon heute eine Form der Organisation, die sie befähigen soll, ihrer großen historischen Mission, und in derselben Zeit dem Kampfe für die täglichen Verbesserungen der Lohn- und Arbeitsverhältnisse gerecht zu werden.“

Und hier anschließend wird die Organisationsform und die Aufgaben, welche die Organisation lösen soll, dahin umschrieben:

„An jedem Orte schließen sich die Arbeiter der revolutionären Gewerkschaft ihrer resp. Berufe an, die keiner Zentrale unterstellt ist, ihre eigenen Gelder verwaltet und über vollständige Selbständigkeit verfügt. Die Gewerkschaften der verschiedenen Berufe vereinigen sich an jedem Orte in der Arbeiterbörse, dem Mittelpunkt der lokalen gewerkschaftlichen Tätigkeit und der revolutionären Propaganda. Sämtliche Arbeiterbörsen des Landes vereinigen sich in der Allgemeinen Föderation der Arbeiterbörsen, um ihre Kräfte in allgemeinen Unternehmungen zusammenfassen zu können.

Außerdem ist jede Gewerkschaft noch föderativ verbunden mit sämtlichen Gewerkschaften desselben Berufes im ganzen Lande, und diese wieder mit den verwandten Berufen, die sich zu großen allgemeinen Industrieverbänden zusammenschließen. Auf diese Weise bilden die Föderationen der Arbeiterbörsen und die Föderationen der Industrieverbände die beiden Pole, um die sich das ganze gewerkschaftliche Leben dreht u.s.f.“

Der Aufbau der örtlichen Arbeiterbörsen sowohl wie die Bildung einer „Allgemeinen Föderation der Arbeiterbörsen für das ganze Land“ lässt noch sehr viel, wenn auch nicht alles, zu wünschen übrig. Nicht viel weniger aber auch die Föderation der gewerkschaftlichen Ortsvereine in Berufs- resp. Industrieföderationen.

Zwei Jahre intensiver Propaganda der Geschäftskommission und deren Sendboten, sowie eine einschlägige Literatur und Zeitungsartikel, haben nicht vermocht, den Auf- und Ausbau solcher Föderationen, wie sie in der Prinzipienerklärung und der programmatischen Grundlage zum Ausdruck kamen, in erwünschtem Maße zu erreichen. Bei einem größeren Teil der durch den Zentralismus enttäuschten Arbeiter ist sogar ein starkes Widerstreben gegen jeglichen Zusammenschluß zu Berufs- und Industrieföderationen zu verzeichnen. Sie sehen in jedem freigestellten Funktionär entweder von vornherein einen Diktator, oder doch wenigstens die Möglichkeit, ein solcher zu werden und bemühen sich daher, sich möglichst zu isolieren. Ein solcher Standpunkt verträgt sich aber durchaus nicht mit den Prinzipien des Syndikalismus und [es] muß versucht werden, ihn durch intensivste, überzeugende Propagandatätigkeit und Belehrung zu überwinden. Nicht Zwangsmaßnahmen und Drohungen sind hierbei am Platze, sondern überzeugende Aufklärung. Nun ist es freilich schon gelungen, einige Berufs- resp. Industrieföderationen ins Leben zu rufen, die auch schon ihre Nützlichkeit erwiesen haben.

Es bestehen zurzeit die

Föderation der Metall- und Industriearbeiter Deutschlands mit ihrer Geschäftsleitung in Berlin SO. 16, Brückenstr. 10B. Geschäftsleiter Reinhold Wiesberg;

Föderation der Holzarbeiter Deutschlands, Geschäftsleiter August Reichenbach, Berlin O. 112, Niederbarnimstr. 6;

Föderation der Bauberufe Deutschlands, Geschäftsleiter Gustav Wiesner, Berlin N. 113, Czarnikauer Str. 17;

Föderation der Kommunal- und Verkehrsarbeiter Deutschlands, Geschäftsleiter Robert Schlisch, Breslau, Roßplatz 28;

Föderation der Bergarbeiter Deutschlands, Geschäftsleiter Johann Spaniol, Oberhausen (Rhld.), Mülheimer Str. 144.

Alle Ortsvereine, denen die willkommensten Gelegenheiten dargeboten sind, sich einer der bestehenden Industrieföderationen anzuschließen, werden dringend ersucht, dies mit Rückwirkung ab 1. Januar d.J. zu vollziehen. Die Geschäftsleitungen liefern für den auf den Konferenzen beschlossenen Föderationsbeitrag sämtliches Organisationsmaterial, wie Mitgliedsbücher, Beitragsmarken, Aufnahmescheine, Heberegister usw. an alle ihr angeschlossenen Ortsvereine. Zeitung und Literatur werden vom Verlag direkt bezogen und an diesen bezahlt.

Von der Geschäftskommission der FAUD (Syndikalisten) können also mit diesem Material nur solche Ortsvereine bedient werden, die einer Industrieföderation noch nicht angehören, resp. nicht angehören können, und solche, für die eine solche Föderation noch nicht besteht. Das bitten wir in Zukunft ganz besonders zu beachten, weil andernfalls unnütze Korrespondenz entsteht, die heute viel Unkosten verursacht.

Im übrigen aber empfehlen wir dringend, dass sich alle Bergarbeiter, Holz-, Kommunal- und Verkehrsarbeiter, Bauberufsgenossen und in der Metallindustrie beschäftigte Arbeiter resp. deren Ortsvereine, ihren zuständigen Föderationen anschließen und so dazu beitragen, dass die Prinzipienerklärung und alle diesbezüglichen Kongreßbeschlüsse nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch verwirklicht werden.

Fritz Kater

Aus: Der Syndikalist, Nr. 4/1922.

Anmerkungen Syfo:

Der Versuch, zu Beginn der 1920er Jahre auch eine Föderation der Kopfarbeiter zu etablieren, blieb in den Anfängen stecken, dafür existierte wenige Jahre später eine Föderation der Textilarbeiter. Fritz Kater war Obmann der FAUD-Geschäftskommission.

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