Rudolf Rocker in Böckingen, 1922

Der international geachtete anarcho-syndikalistische Theoretiker Rudolf Rocker hielt seine Gedanken in einer Fülle von Beiträgen, Broschüren und Büchern fest. Aber auch seine Reden wurden begeistert aufgenommen und nach Veranstaltungen mit ihm traten teils hunderte von Zuhörern spontan in die FAUD (Freie Arbeiter-Union Deutschlands, Anarcho-Syndikalistische Gewerkschaft) ein. Hier ein Bericht aus Böckingen bei Heilbronn:

„Nachklänge zur Versammlung am 25. März 1922 in Böckingen.

Schriften von Rudolf Rocker um 1922

Gleich einer silberklaren Quelle entströmten goldene Worte der Wissenschaft dem Munde unseres beliebten Rudolf Rocker. Er führte die Zuhörer in die höchsten geistigen Regionen der Wissenschaft und der Kunst vom grauen Mittelalter, als die Kunst in höchster Blüte stand, als Städte und kleine Kommunen sich gegenseitig an Meisterwerken der Baukunst, der Tonkunst, der Astronomie, der Geologie und Malerei zu überbieten suchten, bis zum heutigen modernen Klassenstaate, in dem die Errungenschaften aus alter Zeit nicht gepflegt und gefördert, sondern kulturell zerstört und vernichtet werden. In unserer Zeit, wo die Kasernen und Fabrikschlote die höchsten Denkmäler der besitzenden Klasse sind, worin das geknechtete Proletariat gedrillt und bis zum letzten Blutstropfen ausgesogen wird, bleibt dem schaffenden Volke keine Zeit, sich mit Kunst und Wissenschaft zu beschäftigen. Während früher kleine Staaten, z.B. die Griechen, die Römer usw. unzerstörbare Werke der Kunst schufen, an deren Überresten wir heute noch staunend hinaufblicken, ist es das Schicksal des Volkes, im großen modernen Klassenstaate die Geldsäcke einer geldgierigen, vergnügungssüchtigen Minderheit von Schiebern und Spekulanten zu füllen und anstatt aufzublühen, an dieser Last zugrunde zu gehen. Sobald ein Volk von einem Despoten, König, Kaiser, oder wie er sonst heißen mag, regiert wird, werden ihm dessen Launen und Ansichten aufdiktiert; es hat zu tun, was dieser ihm auf gesetzlichem Wege vorschreibt und verliert seinen eigenen Willen.

In manchem schlichten Arbeiter stecke eine Idee, es liegt eine Kraft, ein Drang in ihm, sich auf einem Gebiete der Wissenschaft, z.B. der Dichtung auszubilden. Die harte Pflicht, das Ringen nach Brot, lassen seinen schwieligen, von der Arbeit zerschundenen Händen keine Zeit, die Feder in die Hand zu nehmen, um seinen Gefühlen Ausdruck zu geben; er wird voll und ganz von dieser hohlköpfigen Gesellschaft versklavt und abgestumpft; er muß Tag und Nacht schuften, damit die Drohnen der Menschheit ihren Lüsten frönen können; und doch könnte er durch seine Schöpfungen manche Stunden seine Mitmenschen vom Alltagsleben in die Gefilde des Geisteslebens führen, wo sich die Seele frei, ohne Fesseln, bewegen kann.

Der moderne Staat entnervt seine Völker, er zertritt, was Jahrhunderte der Kunst geschaffen haben. Was durch Fleiß und Arbeit in den letzten 50 Jahren mit vieler Mühe hergestellt wurde, ist durch die Launen einiger Staatsoberhäupter und Börsenkönige in einem bestialischen Völkermorden vernichtet worden. Unschätzbare Werte hat das Meer verschlungen. Handelsschiffe, die die Bedarfsartikel den Völkern gegenseitig einander zuführten, die friedlich auf den Ozeanen durch die Wellen gingen, um Brot, Kleidung usw. den Armen zuzuführen, wurde durch Unterseeboote und Kampfschiffe in den Grund gebohrt; ganze Länder wurden vernichtet, Städte und Dörfer dem Erdboden gleich gemacht; die ausgedehntesten Wälder von majestätischer Pracht wurden niedergehauen; edles Menschenblut floß in Strömen. Das sind die Kunstwerke des modernen Staates, welche zur Schande der Nachwelt der Menschheit überwiesen werden.

Wie hoch erhaben steht hier die Kultur der grauen Urzeit vor uns, wo die Menschen im engen Kreise ihrer Städte und Dörfer wetteiferten, sich an Kunst und Wissenschaften zu überbieten. Heute überbietet ein Spitzbube den anderen, wie er seine Mitmenschen beschwindeln und ausrauben kann. Das ist das moderne Zeitalter des Nationalstolzes, gegenüber dem Syndikalismus, welcher seine Grundsätze auf die Basis stellt, dass alle Menschen dieser Erde gleichberechtigten Anteil an der Arbeit, aber auch an dem Ertrag derselben haben sollen. Sie gleichen, um mit Rocker zu Sprechen, kleinen Bächlein, welche sich zu Flüssen sammeln, die alle zum Meer fließen. Von dort aus geht ihre Kraft auf und verteilt sich über die ganze Erde. So sollen die kleinen Ortsgruppen sich den großen Arbeiterbörsen anschließen, von wo aus über den ganzen Kontinent die Bedürfnisse des Einzelnen geregelt und befriedigt werden.

Der Vortrag befriedigte alle Anwesenden, jedoch haben viele ihn nicht in ihrem Gehirn verarbeiten können, weil es eben noch bei manchem an geistiger Auffassung fehlt. Diejenigen, welche meinten, Rocker lasse Schwefel und Feuer regnen über politische Parteien, sind Steckenpferdreiter und kommen freilich nicht auf ihre Rechnung. Rocker hielt seinen Vortrag meisterhaft im Rahmen der Wissenschaft und der naturgeschichtlichen Entwicklung der Völker. Es wäre für manchen lehrreicher gewesen, diesem Vortrag beizuwohnen, als am Biertische Propaganda für zentralistische und parteipolitische Maschinationen zu machen, deren Grundsätze schon längst überlebt sind und von einem neuen, freien Zeitgeist abgelöst werden müssen.

Carl Stegmüller.“

Aus: Der Syndikalist, Nr. 16/1922.

Kurzbiographie

Rudolf Rocker Stadtführer

Über Rudolf Rockers Hauptwerk

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