Rudolf Rocker zum Geburtstag

Das Duell Rudolf Rocker gegen Paul Frölich, Bremen, 1919

Ein großes Rededuell ereignete sich in den „Centralhallen“ am 04. Dezember 1919 zwischen dem international hochgeachteten Referenten Rudolf Rocker und Paul Frölich (1884-1953). Letzterer war Mitglied im Parteivorstand der KPD und setzte sich durch seine Schrift „Die syndikalistische Krankheit“ (1919) eingehender mit dem Thema auseinander. Hinsichtlich der Rivalität zwischen Syndikalisten und Kommunisten dürfte der folgende Polizeibericht (eines „Hilfsbeamten“) von Neutralität gekennzeichnet sein, da beide Richtungen vom Staat mit Argusaugen beobachtet wurden:

„Die Versammlung begann um 7 Uhr 40. Anwesend waren gut 300 Mann. Die meisten Besucher waren Arbeiter; ca. 25 Frauen waren ebenfalls anwesend. Referent Rudolf Rocker, Berlin: Der organische Aufbau des Kommunismus. Rocker sprach über die Bewegungen in Frankreich, England, Spanien und Italien. 1789 sei die erste Bewegung in Frankreich gewesen, in England 1825. Rocker führte dann aus, dass die Syndikalisten die stärkste Einheitsorganisation besäßen. Die USP und die KPD zersplitterten sich in vier verschiedene Richtungen und bekämpften sich wie Hund und Katze. […] Die meisten [deutschen Arbeiter] hörten nur auf die Schlagwörter der Führer, ohne nachzudenken, ob es richtig sei. Noske, Ebert & Co. würden als Verräter der Arbeiter verschrien. Man müsse Noske als eine Sumpfpflanze betrachten. Die Revolution am 9. November 1918 betrachtet R[ocker]. nicht als eine Revolution; es sei nur das Hinwegfegen eines morschen Stammes gewesen. Das deutsche Proletariat hätte 1918 die ganze Macht in Händen gehabt. Warum hätte es die Zügel fallen lassen und sich die Macht Stück für Stück abnehmen lassen? Die damaligen Führer hätten nicht gewusst, wie sie die Sache anfassen sollten. Sie hätten nicht vorgearbeitet. Hätte man damals Arbeiterbörsen eingerichtet, die das Wirtschaftsleben fest im Zügel gehalten hätten, dann hätte die Reaktion nicht wieder die Macht in die Hände bekommen. Auf Lebensmittel, Kleidung und Wohnungen hätte man eine Kontrolle ausüben müssen, dann wäre alles anders wie heute. Wucher und Schleichhandel wären dann für immer unterblieben. Rocker sagte, jede Partei wollte erst die Macht haben, um dann von oben nach unten ihre Ideen und Grundsätze zu verwirklichen. Er ist der Meinung, dass alles von unten nach oben gemacht werden müsste. Die Führer der USP und KPD, die jetzt redeten, dass der Kampf auch mit den Waffen geführt werden müsse, wären, wenn es zum Klappen käme, verschwunden und verdrückten sich dann. Nicht mit einem kleinen Putsch, mit Streiks oder Demonstrationen würde man das Ziel erreichen; man müsse versuchen, das Wirtschaftsleben in die Hand zu bekommen. Nach Rocker sprach Frölich von der KPD. Frölich sagte, dass man erst die Macht haben müsse, um alles zu verwirklichen. Eine starke Militärmacht müsse man besitzen. Die Reaktion hätte die Weißgardisten, Spitzel, Gerichte und Zuchthaus für sich. Wenn die Arbeiter versuchen, durch Streik zum Ziele zu kommen, so kämen die Weißgardisten und schlügen auf die Arbeiter ein. Als Beispiel nannte er den Bergarbeiterstreik. Frölich sagt, dass Demonstrationen immer zum Ziele führen. Im November 1918 hätten die Arbeiter nichts verstanden und Bürgerliche auf ihren Posten lassen müssen. Das wäre verkehrt gewesen. Die Bürgerlichen dürften keine solche Posten versehen. Durch starke militärische Macht müsse man die Bürgerlichen zwingen, sich zu fügen. Die Rede des Frölich fand wenig Beifall; um 10 Uhr wurde gefordert, dass er endlich Schluß mache. Dagegen sprach einer der Anwesenden und sagte, dass Redefreiheit sei und jeder sprechen könnte. Frölich sprach dann noch 10 Minuten. Nach ihm sprach ein Syndikalist über die Grundideen des Syndikalismus. Ein Redner der KPD gab zu, dass die Syndikalisten in einzelnen Punkten recht hätten. Man käme doch wohl nur mit Waffengewalt zum Ziele. […] Rocker ging auf die Rede Frölichs ein und sagte, dass er sich darüber wundern müsse, dass ein Kommunist wie Frölich kapitalistische Anschauungen habe. Rocker führte noch an, dass es kein Militär geben würde, wenn es nicht gut bezahlt würde. Wenn die Kapitalisten nicht mehr das Wirtschaftsleben in der Hand hätten, könnten sie das Militär nicht mehr bezahlen und dann würde es keine Soldaten mehr geben. Die Reden des Rocker fanden großen Beifall. Die Versammlung endete um 11.40 p.m.“

Aus:

Frei die Stadt! Bremens syndikalistischer Stadtführer, Institut für Syndikalismusforschung, 2011

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