Rezension „Anarcho-Syndikalismus“ Einführung

Rezension im Anarchistischen Radio Berlin Januar 2018 (Min. 43,07 – 48,54)

Hier

ISBN 978-3-86841-143-0 – 228 Seiten – 16 €

„Und jetzt noch eine Rezension zu Helge Döhrings Buch „Anarcho-Syndikalismus“. Wir wollen euch jetzt eine Neuerscheinung aus dem Bereich des politisch-historischen Sachbuchs vorstellen. Helge Döhring veröffentliche Ende letzten Jahres ein Buch mit dem Titel Anarcho-Syndikalismus und dem Untertitel „Einführung in die Theorie und Geschichte einer internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung“.

Helge Döhring ist ein Autor und Mitbegründer des Instituts für Syndikalismusforschung und hat bereits eine beträchtliche Anzahl von Werken zur syndikalistischen Bewegung publiziert. Widmeten sich seine früheren Werke spezifischen Aspekten, Strömungen oder Epochen der Bewegung, so hat er mit „Anarcho-Syndikalismus“ eine umfassende historische Analyse erarbeitet. Wer sich jedoch denkt: Toll, eine Einführung! Das schenke ich einer Kollegin oder einem Kollegen zum Geburtstag, damit sie endlich mal über ihren Klassenstandpunkt nachdenkt, der sollte vielleicht besser zu einer anderen Lektüre greifen. Das Werk kommt nicht glänzend und propagandistisch daher, wie etwa die Publikationen vom Crimethink-Kollektiv, sondern ist der Form nach eine nüchterne, wissenschaftliche Abhandlung.

Im Gegensatz zu Publikationen, die eine reine historische Spurensuche nach syndikalistischen Kämpfen antreten, verbindet Helge eine historische Betrachtung mit theoretischen Diskursen und einer Analyse von Erfolgen und Misserfolgen anarcho-syndikalistischer Organisation. Dafür beschränkt sich der Fokus fast ausschließlich auf die Geschehnisse aus dem Umfeld der Ersten Internationalen und dann der anarcho-syndikalistischen Internationale IAA. Die Zielgruppe sind LeserInnen aus dem deutschsprachigen Raum. Für eine außereuropäische Perspektive verweist Helge zum Beispiel auf das Werk „Black Flame“ von Lucien van der Walt. Wirft man einen Blick in die übersichtliche Gliederung des Buches, finden sich neben einem einleitenden Kapitel zu Begriff und Zielvorstellungen ein historischer Überblick, der die Theorie und Praxis der Gewerkschaftsbewegung folgen. Die politische Dimension findet sich davon getrennt im folgenden Abschnitt, in dem einige Schlüsselfragen besprochen werden, etwa das Verhältnis zum Staat, aber auch zu anderen sozialistischen Strömungen wie dem Marxismus.

Die gesamtgesellschaftliche Relevanz der anarcho-syndikalistischen Bewegung, die bereits in den Erläuterungen zu dem Konzept der Arbeitsbörse anklingt, wird im Kapitel „Neben der Gewerkschaftsarbeit“ gewürdigt. Hier geht es etwa um Frauen- und Jugendorganisation, kulturelle Initiativen oder auch Konzepte organisierter Solidarität, wie das Genossenschaftswesen. Das Buch schließt mit einem perspektivischen Ausblick.

Ich möchte in dieser Buchvorstellung nicht weiter ins Detail gehen. Die Vielzahl der angerissenen Themen ist viel zu groß. Stattdessen erzähle ich ein wenig von einzelnen Punkten, die mir bei der Lektüre interessant erschienen. Wir kennen alle das große Wort der „Direkten Aktion“. Slogans wie „Play the whole Deck!“ oder das Sabotageemblem mit den Zahnrädern und dem Schraubenschlüssel. Aber welche Methoden umfasst die Direkte Aktion genau? Wie sind sie entstanden? Und wie haben sie sich bewährt? Sehr anschaulich erklärt Helge die Konzepte der lokalen Streiks, passive Resistenz, Sabotage, Boykott, Solidaritätsstreiks, Generalstreik oder die Registermethode als Antwort auf die Tarifpolitik. Auch die Taktiken der Bekämpfung syndikalistischer Aktionen werden dabei analysiert, ein wichtiges Wissen für zukünftige Kämpfe.

Für alle, die sich syndikalistisch in einer Organisation wie der FAU organisieren, beinhaltet das Buch wichtige Informationen, etwa zur ideologischen Entwicklung der IAA-Organisationen und typischen Konfliktragen; zu nennen etwa die Frage der Sozialpartnerschaft, der Betriebsräte oder auch die Haltung zum Anarchismus. Auch Differenzen und Gemeinsamkeiten gegenüber dem Marxismus werden thematisiert.

Weniger gefallen hat mir bei der Lektüre die klassische Perspektive von oben auf die historische Entwicklung. Sehr entfaltet sich der Diskurs entlang der großen Namen und Organisationsbeschlüsse. Eine Perspektivumkehr hin zu den materiellen Gegebenheiten der ArbeiterInnen und den daraus erwachsenen Formen von Widerstand und Selbstorganisation hätte das Sujet bereichert. Die großen Namen sind schließlich diejenigen, die einen Diskursstand in Worte gegossen haben, und nicht die visionären AnführerInnen einer vermeintlich herrschaftsfreien Bewegung. Weiterhin mag Helge den Anarcho-Syndikalismus nicht als anarchistische Strömung begreifen, sondern als Sozialistische. Man möchte seriös sein, die arbeitende Klasse verkörpern. Zu groß ist die Aversion gegenüber den Schwarzen Schafen der Familie. Denen, die keine Mitgliedbeiträge zahlen, Herrscher ermorden und lieber ausschlafen. Da jedes Ressentiment die Mutter des Gedanken bildet, ist auch der Abschnitt zum Verhältnis zum Anarchismus wenig hilfreich. Wer ist dieser Anarchismus? Es ist wie das Verhältnis von Techno zu elektronischer Musik darstellen zu wollen. Vermisst habe ich Analysen zum Spannungsfeld zwischen Anarcho-Syndikalismus und Entwicklungen der Postmoderne. Die Diskurse der Neuen Linken, Postmarxisten, Poststrukturalisten sucht man vergeblich. Auch die Besonderheiten der postmodernen Arbeitswelt und des neoliberalen Staates finden kaum einen Platz. Wären das vielleicht Themen für einen Band 2?

Obwohl das Buch die syndikalistische Frauenorganisation und deren Probleme innerhalb der Bewegung thematisiert, finden sich kaum eine Erwähnung weiblicher Akteure. Eine Vielzahl von Persönlichkeiten werden als Portraits im Buch abgebildet. Darunter befindet sich keine Frau. Selbst dort, wo ein Foto von Emma Goldman hätte platziert werden können, haben sich die Herausgeber für Alexander Berkman entschieden. Damit wird der historischen Marginalisierung der ohnehin geringen Zahl weiblicher Genossinnen weiter Vorschub geleistet.

Damit bin ich am Ende unserer Rezension angelangt. Wer das Buch gerne lesen möchte, hier noch einmal die Daten:

Helge Döhring: Anarcho-Syndikalismus. Einführung in die Theorie und Geschichte einer internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung. Erschienen 2017 im Verlag Edition AV“

 

(A-Radio) Libertärer Podcast Dezemberrückblick 2017

Länge: 60 min

Ernster und satirischer Blick auf Ereignisse des letzten Monats aus libertaerer Perspektive. Vom Anarchistischen Radio Berlin (aradio.blogsport.de).

Inhalte:

* News aus aller Welt
* Fokusthema: Make Amazon Pay
* Ein libertärer Blick auf den Chaos Communication Congress
* Der RingRat: Gespräche in der Berliner S-Bahn
* Helge Döhring, Anarchosyndikalismus: eine Rezension
* Wo herrscht Anarchie
* Alltagssolidarität (8)
* Linktipp: Channel Zero Network

Feedback und Kommentare bitte an: aradio-berlin/at/riseup(.)net

Audio
01:00:00 h, 82 MB, mp3
mp3, 192 kbit/s, Stereo (44100 kHz)
Upload vom 09.01.2018 / 20:29

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