Arvidsson – Der freiheitliche Syndikalismus in Wohlfahrtsstaat (1960)

img168Die folgende Besprechung einer der bedeutendsten syndikalistischen Schriften nach 1945 von Evert Arvidsson (Schweden) ist bei der „Arbeiterbörse für Literatur“ erschienen. Bei der Broschüre handelt es sich sowohl um eine Bestandsaufnahme als auch um eine theoretisch-programmatische Schrift, die Rudolf Rocker gewidmet und von Helmut Rüdiger eingeleitet wurde, zwei weiteren Protagonisten der syndikalistischen Arbeiterbewegung weltweit. Die Herausgabe in deutscher Sprache verdanken wir den wenigen verbliebenen Strukturen der alten syndikalistischen Bewegung in Deutschland (namentlich Hans Weigl, Donnersbergerstraße 36, München und dem Verlag „Die freie Gesellschaft“ aus Darmstadt), die sich nach 1945 nicht erneut als Gewerkschaft (Freie Arbeiter-Union Deutschlands) formierte, sondern als sozio-kulturelle Sammlungsorganisation unter dem Namen Föderation freiheitlicher Sozialisten (FFS). Deren Gruppe in München gilt als deren letzte überlebende, und diese Schrift von Arvidsson aus dem Jahre 1960 stellt ihr letztes Lebenszeichen dar. Mit ihr fand die alte organisierte Bewegung in Deutschland, die ihre Ursprünge im 19. Jahrhundert hatte, ihr Ende. Mit ihr rissen alle Traditionen ab. Im folgenden die Besprechung aus der „Arbeiterbörse für Literatur“ (Syfo):

„Die heute mehr als ein halbes Jahrhundert alte Broschüre Der freiheitliche Syndikalismus im Wohlfahrtsstaat von Evert Arvidsson hält einige Gedanken und Lehren für den geneigten Leser bereit, die in der heutigen Beklemmung der freiheitlichen Bewegungen durchaus fortschrittliche Impulse liefern können.

Alles Leben ist Wandel und der freiheitliche Syndikalismus strebt zum Leben, so könnte man die Philosophie des Autors beschreiben, die in seinem Werk durchschimmert. Der Text ist geprägt von einer Bejahung der Erneuerungen der syndikalistischen Bewegung in Schweden, die sich von der Aufstandsromantik losgesagt hat; die den erweiterten, legalen Rahmen der Staatsdemokratie ausnutzt, um ihre Aufbauarbeit zu leisten, statt sich ihn durch unüberlegte und selbstgenügsame Reflexe zu verengen.

Trotz aller Verbesserungen, die sich durch die Staatsdemokratie eingestellt haben, ist sich Arvidsson jederzeit bewusst darüber, dass der Staat sein Verschwinden durch Aufgabe der Staatsdemokratie und Annahme der Diktatur zu verhindern weiß. Der Autor sieht sich in dieser Hinsicht als Syndikalist besonders dem Bolschewismus und Marxismus entgegengestellt.

Dieser diktatorische Zustand bestimmt aber Schweden zu seiner Zeit nicht. Um interessierte Aktivisten anzuziehen, muss deshalb der Syndikalismus, der die Bedürfnisse der Zeit bedienen soll, auf die neuen Bedingungen möglichst gut angepasst sein. Arvidsson stellt einige Anpassungen der schwedischen Bewegung vor, wie zum Beispiel die Reaktionen auf die sich durchsetzende „Arbeitslosenklasse“. Wenn man in der deutschen Bewegung heute an Hartz IV denkt und an das Potenzial, welches eine solche Klasse hätte entwickeln können, im Gegensatz zu perspektivlosen Lippenbekenntnissen der Anti-Hartz IV-Proteste, dann merkt man sofort, dass auch in älteren Werken einige Ideen stecken, die für unsere Zeit von Nutzen sein können.

Dieser Anpassung stellt Arvidsson die Gefahr der Selbstgenügsamkeit entgegen, die eine Idee, eine Bewegung, einschränkt und sie unattraktiv für die Masse macht, von deren Belangen ihre abstrakten, dogmatischen Forderungen losgelöst sind. Dem Syndikalismus treu zu bleiben, heißt nach Arvidsson, seine Prinzipien zu erneuern und dem Wandel, der sich überall im Leben zeigt, auch in der Idee Raum zur Entwicklung zu verschaffen. Eine starre Idee, die ihr Programm ohne Rücksicht auf den Gang der Dinge vollstreckt ist toter Glaube und stirbt zwangläufig ab.

arvidsson

Die Broschüre des schwedischen Syndikalisten reiht sich ein in die Tradition des Anarcho-Syndikalismus, stets auch eigene Ansichten zu reflektieren und die Zeit, in der man sich befindet, genau zu besichtigen, um die eigenen Einstellungen an ihr zu prüfen. Es war immer einer der Vorzüge dieser Bewegung, dass es in ihr wache Geister gab, die die Revolte auch nach innen lebten, damit die Bewegung Impulse zur Erneuerung erfuhr und nicht geistig verknöcherte. Im Gegensatz zum sogenannten Postanarchismus, der lediglich die eigenen Schlagwörter in modernen soziologischen Trends zu bestätigen sucht, aber weit von Attraktivität und Praxis entfernt ist, macht es das zukünftige Potenzial des Syndikalismus aus, eben dieser satten Selbstgenügsamkeit durch bewusstes Leben und perspektivische Gewerkschaftspraxis zu entgehen.

Exemplarisch für diese Tradition sind beispielsweise Rudolf Rockers Möglichkeiten einer anarchistischen und syndikalistischen Bewegung, Horst Stowassers Aufsatz „Ist der Anarchismus noch zu retten?“ in seinem Werk Anarchie! und Beltrán Roca Martínez‘ Die Renaissance des Anarcho-Syndikalismus.

Will der freiheitliche Syndikalismus heute in Deutschland eine positive Entwicklung beginnen, so muss auch er, ähnlich dem von Arvidsson dargestellten schwedischen Modell und ähnlich dem von Martínez dargestellten spanischen Modell, viel Arbeit investieren, um moderne, der Zeit angepasste Kompetenzen aufzubauen, weg von jeglichem subkulturellen Prokrustebett. Dazu ist eine Phase der Besinnung nötig; eine Aufbauphase ergibt sich nicht aus der heute herrschenden Unordnung und Entschlusslosigkeit.

Evert Arvidssons Broschüre ist eines der Werke, die uns dazu reichlich Beispiele anderer, unsere Ziele mittragender Organisationen ‒ hier die SAC ‒ liefern. Die Broschüre zeugt von einem lebenserfahrenen Autor, der mit seinen Ansichten nicht hinterm Berg hält, sondern sie erfolgreich einzubringen versucht, auch auf die Gefahr hin, von Zeloten angefeindet zu werden. Letztendlich aber sind es nicht die Priester der reinen Lehre, die den Fortschritt weiterbringen, sondern die Unorthodoxen und Rebellen, die einer Bewegung zu neuen Mitteln verhelfen. Arvidsson ist zweifelsohne einer von ihnen.

Evert Arvidsson: Der freiheitliche Syndikalismus im Wohlfahrtsstaat | Darmstadt | Verlag Die Freie Gesellschaft | 1960″

 

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