Forschung und Bewegung: Das Institut für Syndikalismusforschung: „Syfo“

Dieser Beitrag erschien zuerst im Monatsmagazin „Gai Dao“ in der Novemberausgabe 2011. Er beschreibt unsere Arbeit und unser Selbstverständnis.

Unser Leitsatz lautet: „Das Institut für Syndikalismusforschung verfolgt die Aufgabe, die praktischen Aktivitäten der syndikalistischen Bewegung auf historisch-theoretischer Ebene zu begleiten. Dazu gehören die Tätigkeitsbereiche: Forschen, Archivieren, Publizieren, sowie die Beratung im Sinne freiheitlich-emanzipatorischen Wirkens.“ Die ersten Überlegungen und konkreten Schritte zur Schaffung einer festen Institution gab es im Jahre 2007. Im Internet sollten zunächst einige Forschungsergebnisse und Bücher vorgestellt werden. Ein Jahr später wurde schon ein Konzept umgesetzt, das die Präsentation von Geschichte und Forschung zum Thema Syndikalismus für den gesamten deutschsprachigen Raum beinhaltete. Das zeigte Wirkung u.a. durch entstehende wertvolle Kontakte, welche ohne die Internetpräsenz nicht zustande gekommen wären. Wir sind bestrebt, alle wichtigen Neuerscheinungen zum Thema (Bücher, Zeitschriften u.a.) zu besprechen, zu präsentieren und unsere Online-Sammlung weiter auszubauen. Für alle, die Forschen wollen, halten wir auf diese Weise die entsprechenden Grundlagen bereit, sei es für Biographien, lokale Studien, Ausarbeitung zu Organisationen oder spezielleren Fragestellungen. Die Mitglieder des Instituts stellen auch ihre eigenen Arbeiten vor, zu sehen auf unserer zentralen Seite http://www.syndikalismusforschung.info, auf dem auf Aktualität bedachten Blog https://syndikalismusforschung.wordpress.com und in unserem Jahrbuch, welches über den Verlag Edition AV abonniert werden kann.

Damit betreiben wir intensive Forschung und Interaktion zur Stärkung der gesamten syndikalistischen Bewegung. Diese macht Gebrauch davon, wir erhalten allerhand Anfragen von Aktivisten, die zu ihrer eigenen Geschichte forschen wollen, beispielsweise fragen, ob es bei ihnen in der Region einmal eine „Freie Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD) gegeben hat, ob wir Informationen zu bestimmten historischen Personen haben oder wo welche Archivmaterialien zu bekommen sind. Außerhalb der Bewegung ergeben sich wichtige Kontakte zu Wissenschaftlern und Journalisten, sowie zu Nachfahren von Aktivisten aus der Bewegung!

Forschung an der Basis durch die Basis

In den letzten fünf Jahren ist die syndikalistische Bewegung in Deutschland nicht nur zahlenmäßig kräftig angewachsen, sondern sie hat sich auch ausdifferenziert. Zu nennen ist dabei besonders die Renaissance der anarcho-syndikalistischen Jugendbewegung seit 2008. Daneben besteht ein ansehnliches Verlags- und Vertriebswesen. Durch die entstehende Arbeitsteilung werden die jeweils anderen Organisationen entlastet, müssen nicht mehr alle erforderlichen Aufgaben und Arbeiten unter einen Hut bringen. Alle profitieren von einem Spezialisierungsprozeß. Durch die Tatsache, dass die Aktivitäten nicht innerhalb nur einer Organisation stattfinden, kommt es zu keinen unnötigen Kollisionen, welche ein zu enger organisatorischer Rahmen zwangsläufig mit sich bringt. Möglichkeiten zur Entfaltung können so auf verschiedenen Ebenen optimal genutzt werden, niemand wird ausgebremst, alle können sich frei ergänzen. Das ist eine Form von informellem Netzwerk in freier Kooperation. Wir haben gute Kontakte zu Basisgruppen, u.a. der „Anarcho-Syndikalistischen Jugend“ (ASJ) und der „Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter Union“ (FAU), zu Verlagen und Vertrieben, und natürlich zu anderen Forschungsprojekten.

Die Mitarbeiter des Instituts stammen alle aus der syndikalistischen Bewegung, waren, bzw. sind dort über viele Jahre in hohen Funktionen aktiv gewesen, wissen also, wovon sie sprechen. Keiner von uns ist mit Abitur auf die Welt gekommen. Schulabschlüsse sind bei uns nicht relevant, sondern der Wille zur Selbstbildung, eine ausgeprägte Selbstdisziplin und der Bezug zur Praxis als Angehörige einer ausgebeuteten Klasse. Unser Zielpublikum sind diejenigen Menschen, die das Potenzial haben oder noch entwickeln wollen, eine freie Gesellschaft zu formen.

Das ist das Wesentliche, weshalb wir ausdrücklich betonen, dass wir kein elitärer Zirkel sind. Für uns gelten die Worte von Stefan Zweig: „Für mich ist [Ralph Waldo] Emersons Axiom, dass gute Bücher, die beste Universität ersetzen, unentwegt gültig geblieben, und ich bin noch heute überzeugt, dass man ein ausgezeichneter Philosoph, Historiker, Philologe, Jurist und was immer werden kann, ohne je eine Universität oder sogar ein Gymnasium besucht zu haben […] So praktisch, handlich und heilsam der akademische Betrieb für die Durchschnittsbegabung sein mag, so entbehrlich scheint er mir für individuell produktive Naturen, bei denen er sich sogar im Sinn einer Hemmung auszuwirken vermag.“ (Stefan Zweig: Die Welt von gestern)

Bezüge zur Vergangenheit herzustellen, ist leicht. So hatte die Bewegung in den 1920er Jahren neben ihrer Gewerkschaftsorganisation, der FAUD, eine breite Palette an Kultur-, Schutz-, Hilfs- und personengruppenbezogenen Organisationen zu bieten.

Nur hat es noch nie ein Forschungsinstitut gegeben. Das hat sich für die Aufarbeitung der eigenen Geschichte als Nachteil erwiesen, da das reichhaltige Erbe der Bewegung (Archive, Periodika, personelle Traditionen usw.) spätestens in den 1960er Jahren auseinanderzubrechen begann, und nur unzureichend oder gar durch die falschen Leute aufgefangen werden konnte. Im schlimmsten Fall liegen zum Beispiel die „Urheberrechte“ an den Texten von Rudolf Rocker in fremder Hand, und stehen der syndikalistischen Bewegung nicht mehr in voller Form zur Verfügung. Ähnliches muß in Zukunft verhindert werden. Wir wollen Geschichte erhalten und nutzbar machen auf kollektiver Basis.

Konkrete Zusammenarbeit in einem informellen Netzwerk

Wir schauen, in welchen bedeutenden und aktuellen Fragen wir intervenieren können. Das betrifft Dauerbrenner, wie z.B. die Vor- und Nachteile von Organisation in der „Internationalen Arbeiter-Assoziation“, was besonders für die dort angegliederte FAU relevant ist, aber wir schauen auch auf dynamische Entwicklungen, wie im Jugendbereich. Es ist kein Zufall, dass von unserer Seite 2011/12 umfangreiche Ausarbeitungen zu den „Schwarzen Scharen“ und zur syndikalistisch-anarchistischen Jugendbewegung (von den Anfängen bis zur Gegenwart) erscheinen, den brandaktuellen Entwicklungen Rechnung tragend. Dabei arbeiten ASJ-Gruppen, das Institut für Syndikalismusforschung und die Verlage/Vertriebe der Bewegung in vorbildlicher Weise zusammen. Wir versprechen uns davon nicht nur konkrete Ergebnisse, sondern auch, dass dieser Elan uns selber weiter motiviert und die Bewegung für künftige Aufgaben bereichert. Das Wachsen eines solchen informellen Netzwerkes, produktiv und mit Freude, sollte neben der Stärkung syndikalistischer Basisgruppen zu den Aufgaben der syndikalistischen Bewegung im 21. Jahrhundert gehören.

„Es gibt nichts gutes, außer man tut es“

Syfo ist eine Bildungseinrichtung von unten. Wir erkunden, sichern, erschließen, archivieren, leisten Quellenkritik, stellen zusammen, entwickeln Fragestellungen, recherchieren, konzipieren, erarbeiten, schreiben, korrigieren, layouten, werben, beraten, leisten Recherchehilfen, interviewen, stellen Kontakte her, arbeiten mit anderen Projekten zusammen, aktualisieren unseren Webblog, bauen unser Informationsportal aus, geben ein Jahrbuch heraus, entwickeln Strategien, reflektieren und hinterfragen uns, stehen fest auf dem Boden. Das alles leisten wir ohne Bezahlungen, Zuschüsse, oder Förderungen und ohne Gejammer darüber, wie schwer doch alles sei! Wir sagen: Wer wirklich will, kann es erlernen und tun! Forschung ist für uns Handwerk mit allem drum und dran.

Mitentscheidend in psychologischer Hinsicht ist der spielerisch-schöpferische Charakter, in der bürgerlichen Wissenschaft und selbst unter nicht wenigen Anarcho-Syndikalisten in ihrem manischen Dünkel rationaler Aufgeklärtheit reichlich verpönt. Wir aber empfinden diesen freien Charakter als schaffende Lust, als enorme Motivation, als Initiator von Kreativität und fruchtbringender Interaktion. An die Stelle einer elitären Wissenschaft (links wie rechts) setzen wir auf eine Wissenschaft zum mitmachen, oder besser noch: zum Selbermachen.

Institut für Syndikalismusforschung, Bremen im September 2011

Kontakte über:

Institut für Syndikalismusforschung

Postfach 140470,

D-28094 Bremen

email: institut[a]syndikalismusforschung.info

https://syndikalismusforschung.wordpress.com

http://www.syndikalismusforschung.info

http://de-de.facebook.com/pages/Institut-f%C3%BCr-Syndikalismusforschung/15016822837273

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