Walter Ruge zum Abschied

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind, sag mir, was willst du, liebes Kind?“ – ein Anruf bei Walter Ruge fing immer mit einer originellen Begrüßung an, einer Begrüßung, die mal kürzer, mal länger ausfiel, aber sich so gut wie nie wiederholte. Besuchte man ihn dann in seiner schlichten Potsdamer Plattenbauwohnung, so traf man auf eine Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die ihresgleichen suchen. Walter hat sein Leben gelebt – im wahrsten Sinne des Wortes, und bis zum Schluss.

Die Miningstraße in Britz - auf der linken Seite befindet sich der "Paradiesgarten"

Aufgewachsen war Walter Ruge in einem kommunistischen Elternhaus. Als er elf Jahre alt war, zog seine Familie in die gerade fertiggestellte Hufeisensiedlung in Berlin Britz. Dieses von dem Architekten Bruno Taut konzipierte „Kind der sozialdemokratischen Partei“, wie Walter sagte, besaß ein sehr reges soziales Leben. Hier wohnten viele Reformpädagogen – darunter Walters Vater – und auch radikale Revolutionäre, wie der anarchistische Dichter Erich Mühsam. Direkt gegenüber der Miningstraße 58, in der die Ruges wohnten, befand sich der „Paradiesgarten“ – eine Parkanlage in der häufig Kundgebungen verschiedener politischer Strömungen stattfanden. Walters Vater hatte dabei aus dem Fenster der Wohnung die Gelegenheit, direkt – und oft ungebeten – Redebeiträge bei den Kundgebungen zu halten. Walter begann hier auch eine seiner Leidenschaften zu entwickeln – das

Das "Hufeisen"

Radfahren. Rund um das markante, in Hufeisenform errichtete Hauptgebäude der Siedlung, veranstaltete er mit anderen Kindern seine ersten Radrennen. Später, in der DDR war er aktives Mitglied und Organisator der Radwandergruppe von „Turbine Potsdam“. Als ich Walter vor etwa vier Jahren das erste Mal besuchte, war er ebenfalls gerade von einer Radtour zurückgekommen.  Es waren „nur 40 Kilometer“ gewesen. Walter war damals 93.

Walter hatte ein langes, reichhaltiges und trotz Schwierigkeiten erfülltes Leben hinter sich. Obwohl er im sowjetischen Exil jahrelang inhaftiert gewesen war, und mit der sowjetischen Realität – der „roten Inquisition“ – durchaus vertraut war, blieb er Kommunist. Er blieb es auch nach der Wende, der er ablehnend gegenüberstand. Doch in Walter hatte sich eine dogmatische Meinung auf eine ganz eigene und seltene Weise mit einer offenen Wesensart verbunden. Die Meinungen, die er vertreten hat, waren von seiner Persönlichkeit her ehrlich und aufrichtig. Sie waren eben tatsächlich eine Meinung. Selbst bei völlig verschiedenen Ansichten konnte man nicht umhin, dem Respekt zu zollen. In einem unserer letzten Gespräche hatte Walter auf die Frage, ob er in seinem Leben etwas bedauert, geantwortet:

„Einerseits – ich stehe zu meinem Leben. Und andererseits gibt es eine Masse was ich bedaure. Ja, also ich stehe auch zu dem Bedauerten, dem Bedauernswerten. Darum, jetzt komm ich noch auf was Philosophisches, darum hab ich kein Verständnis dafür, dass die Kirche durch Beichte und so weiter, die Sünden abnimmt. Also, bei der Kirche geht’s ja beim Tod nur darum, dass im letzten Moment der Pfarrer kommt, und einen ohne Sünden zu Petrus lässt. Damit man also in den Himmel kommt. Ich bin der Meinung, dass die Sünden, oder das was man zu bedauern hätte, dem Menschen nicht genommen werden soll. Weil es ein Kompass ist für sein weiteres Leben. Also der Mensch muss sich die Fehler, die er gemacht hat, bekennen. Und muss sie in sich tragen. Und nicht, dass man sie ihm abnimmt. Früher gab’s ja den Ablass, da konntest du Geld bezahlen und dann warst du die Sünden los. Na ja, also soweit, meine lieben Leute, geht’s nicht. Trotzdem stehe ich zu meinem Leben. Also hundertprozentig.“

Menschen mit einem aufrechten Charakter sind selten geworden.
Walter, wir werden Dich vermissen.
Möge die Erde Dir leicht sein, Genosse!

Valentin Tschepego

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Über Valentin Tschepego

Institut für Syndikalismusforschung
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