Vorkriegsantifa – Schwarze Scharen

Eine weitere Rezension ist zur neuesten Veröffentlichung von Helge Döhring erschienen. Gabriel Kuhn hat das Buch „Schwarze Scharen – Anarcho-Syndikalistische Arbeiterwehr (1929-1933)“ gelesen und besprochen. Seine Buchbesprechung erschien auf dem Blog „kritisch-lesen.de“. Wir geben sie hier vollständig wieder.

Vorkriegsantifa – Schwarze Scharen

Helge Döhring : Schwarze Scharen – Anarcho-Syndikalistische Arbeiterwehr (1929-1933)

Helge Döhring präsentiert ein wichtiges, jedoch oft vergessenes Kapitel anarcho-syndikalistischer Geschichte: die Schwarzen Scharen, Arbeitermilizen nahe der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), die den Nazis bereits vor deren Machtübernahme mit militantem Widerstand begegneten.

Von Gabriel Kuhn

Helge Döhring hat sich um die Geschichtsbeschreibung des Syndikalismus in Deutschland bereits mehrfach verdient gemacht, unter anderem mit ausführlichen regionalen Studien zu Württemberg und Bayern. Das historische Kapitel, das er sich diesmal vorgenommen hat, ist ausgesprochen spannend. Es geht um die Schwarzen Scharen, Arbeitermilizen, die sich um die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) Ende der 1920er Jahre im Kampf gegen die Nationalsozialisten und andere faschistische Kräfte formierten. In der Regel in achtköpfigen Gruppen organisiert, schützten die Schwarzen Scharen syndikalistische Veranstaltungen und versuchten, bewaffneten Widerstand im Falle der nationalsozialistischen Machtübernahme vorzubereiten. Bedauerlicherweise konnten sie jedoch der starken Repression nach 1933 nicht widerstehen und wurden zerschlagen bzw. lösten sich auf.

Döhring zeichnet die Geschichte der Schwarzen Scharen in mehreren regionalen Kapiteln nach, von Berlin über Schlesien, wo sie besonders aktiv waren, zu Städten wie Kassel, Bochum und Aachen. Mitgliederzahlen werden ebenso präsentiert wie die Themen geschützter Vorlesungen sowie die Veröffentlichungen und Statuten einzelner Ortsgruppen. In dem abschließenden Kapitel „Der Kampf danach“ geht Döhring dem Schicksal einiger Mitglieder der Schwarzen Scharen nach, die ihren Kampf gegen den Faschismus nach der Machtübernahme der Nazis fortsetzten. Dabei ruft er einen der größten Skandale der Bundesrepublik in Erinnerung: „Die Widerstandskämpfer wurden nicht geehrt, interviewt und schrieben auflagenstarke Bücher. Sie wurden auch nach 1945 wie selbstverständlich gedemütigt (…)“. (S. 151) Döhrings Buch beinhaltet auch interessante Abbildungen sowie eine detaillierte Mitgliederliste einiger Ortsgruppen, die auf polizeilichen Aufzeichnungen beruht.

Die Schwarzen Scharen waren unabhängig organisiert, aber eng mit der FAUD verbunden. Döhring betont die Tatsache, dass die Bewegung – mit der Ausnahme Berlins – dort am stärksten war, wo es keine etablierten FAUD-Strukturen gab, vor allem auch in ländlichen Gebieten. Die Erklärung des Autors ist, dass die Gründung der Schwarzen Scharen mit einer Neuorientierung der anarcho-syndikalistischen Bewegung einherging, die sich mit einem enormen Mitgliederschwund konfrontiert sah. Absicht war, „dem Stagnieren und der Marginalisierung der Bewegung im ökonomischen Sektor“ bzw. „der Nichterfüllung gewerkschaftlicher Vorstellungen in den meisten Regionen“ entgegenzuarbeiten (S. 39). Die Schwarzen Scharen bemühten sich bewusst um einen Halt in breiten Bevölkerungskreisen: „der Schritt von einer Sekte zur Massenbewegung“ war zentrales Ziel (S. 72).

Arbeiterwiderstand gegen den Nationalsozialismus

Eines der wesentlichen Verdienste von Döhrings Arbeit ist es, einen weiteren Beitrag zur Widerlegung des Mythos zu leisten, dass es vor 1933 keinen organisierten und militanten Arbeiterwiderstand gegen die Nazis gab. Döhring verwendet das Beispiel der Schwarzen Scharen auch dazu, für eine offensive antifaschistische Politik zu werben, die nicht wartet, bis faschistische Machtstrukturen etabliert sind, sondern präventiv zu wirken versucht. Die Parallelen, die Döhring zur gegenwärtigen antifaschistischen Bewegung zieht, sind zum Teil überzeugend: auch diese antwortet oft eher auf rechte Aktivitäten anstatt eigene politische Akzente zu setzen. Trotzdem teile ich Döhrings Kritik an der gegenwärtigen Antifa-Bewegung in ihrer Pauschalität nicht. Wenn er von der „rudimentären Substanz heutiger Antifaschisten“ (S. 9) schreibt, davon, dass diesen oft „weltanschauliche Klarheit, die Ernsthaftigkeit ihres Engagements und (…) selbstbewusstes und deutliches Auftreten“ fehlt (S. 138), ja sogar davon, dass „bürgerliche Kultur“ (unter anderem ausgezeichnet durch „Merkmale der Feigheit“) in ihren Kreisen „dominant“ ist (S. 139), so wird die Szene über einen Kamm geschert, der vielen Genoss_innen nicht gerecht wird.

Auch andere Einschätzungen Döhrings kann ich nicht ganz teilen. Die präsentierte Faschismusanalyse bezieht zwar „sozialpsychologische Komponenten“ (S. 28) mit ein, fokussiert jedoch immer noch stark auf den Faschismus als „Form bürgerlicher Herrschaft“ (S. 26), was blinde Flecken klassischer linker Faschismusanalysen reproduziert. Unglücklich scheint es auch, die berechtigte Kritik an der fehlenden Erinnerung an die Novemberrevolution bzw. die Ausrufung der deutschen Republik am 9. November 1918 mit dem Verweis darauf zu illustrieren, dass die Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 „klar im Vordergrund“ stehen (S. 8). Andere Debatten jedoch, etwa jene zur „Gewaltfrage“, sind differenziert und überzeugend (S. 51ff). Hilfreich sind auch die Skizzen zu den Gründen des FAUD-Niedergangs in den späten 1920er Jahren, den Döhring auf „äußere“ ebenso wie „innere“ Faktoren zurückführt (S. 40f), sowie die Vergleiche zwischen den Schwarzen Scharen und der heutigen Freien ArbeiterInnen-Union (FAU), in denen er „ganz ähnliche Probleme einer typischen Minderheitenbewegung“ entdeckt (S. 141).

Trotz der erwähnen Vorbehalte in Bezug auf einige der im Buch präsentierten Thesen ist „Schwarze Scharen. Anarcho-Syndikalistische Arbeiterwehr (1929-1933)“ ein wichtiger und anregender Beitrag zur Geschichte und Theorie der syndikalistischen Arbeiterbewegung in Deutschland.

Helge Döhring 2011: Schwarze Scharen. Anarcho-Syndikalistische Arbeiterwehr (1929-1933). Verlag Edition AV, Lich/Hessen. ISBN: 978-3-86841-054-9. 184 Seiten. 14.90 Euro.

http://www.kritisch-lesen.de/2011/11/vorkriegsantifa/

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