Karl Kautsky über Raphael Friedebergs Parteiaustritt, 1907

Karl Kautsky

Die folgende Abschrift wurde uns zugesandt von Jonnie Schlichting. Sie passt als Dokument ergänzend zum Buch „Generalstreik“. Vielen Dank dafür!

Institut für Syndikalismusforschung

August Bebels Briefwechsel mit Karl Kautsky. Herausgegeben von Karl Kautsky jr. (Quellen und Untersuchungen zur Geschichte der deutschen und österreichischen Arbeiterbewegung. Neue Folge Bd. II. Herausgegeben vom Internationaal Institut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam), Assen 1971

1. Vorwort [von Karl Kautsky jr.], S. XIII:

»In seiner Geradheit wehrte Bebel sich gegen alles, was nach Unterdrückung der Meinungsfreiheit aussah (…).

Er war für freieste Diskussion, ob es sich um Angriffe von rechts (Bernstein, Schippel) oder von links (Rosa Luxemburg) handelte. Nur wenn Eindringlinge von außen die Partei als Sprungbrett oder zumindest als Resonanzboden für parteifeindliche Ideen benutzen wollten, konnte er unduldsam sein. (…) Ein anderer Ausgeschlossener (als Anarchist 1907), Dr. Raphael Friedeberg, blieb ein lebenslanger Freund von Bebel und Kautsky, da er sich bewußt war, nicht in die Partei zu gehören. [Anm. 1]

[Anm. 1]: Raphael Friedeberg, langjähriger Freund und Arzt von Kautsky, Anarchist, als solcher aus der Partei im September 1907 ausgeschlossen, was seiner persönlichen Freundschaft für Bebel und Kautsky keinen Abbruch tat. Schrieb 1905 »Parlamentarismus und Generalstreik«, besprochen von Kautsky, Neue Zeit 23/1 (1905), S. 57. Friedeberg hatte selbst ein Parteischiedsgericht angerufen und schrieb an Kautsky am 19. August 1907 (IISG K DX 479): »Lieber Freund! Herzlichen Dank für Ihre freundschaftlichen Zeilen, die mich innig erfreut haben. – Was die Angelegenheit selbst betrifft, so handelt es sich dabei für mich um eine prinzipielle Frage von fundamentaler Bedeutung, hinter der meine Person völlig zurücktritt, sonst hätte ich Sie sicher damit nicht behelligt. So habe ich Sie wählen müssen als stärksten Vertreter der sozialistischen Theorie, wie ich Stadthagen als Vertreter der sozialdemokratischen Praxis und Legien als kompetenten Vertreter des Gewerkschaftswesens zu Schiedsrichtern gebeten habe.« s. auch Anhang XIII.

2. Anhang XIII (a.a.O., S. 380f)

XIII. Undatiertes unsigniertes Brouillon [Konzept] in Kautskys Handschrift (Siehe Vorwort, S. XIII)

Fall Friedeberg, 1907

Der dritte Berliner Reichstagswahlkreis hat auf Grund der Erklärung, die Dr. R. Friedeberg in der Versammlung am 16. Oktober 1906 abgab und im Vorwärts vom 19. Oktober wiederholte, den Antrag auf seinen Ausschluß aus der Partei gestellt…. Das Schiedsgericht hat auf Grund dieser Erklärung die Überzeugung erlangt, daß der Anarchosozialismus, wie ihn Raphael Friedeberg auseinandersetzt, unvereinbar ist mit den Grundsätzen der Sozialdemokratie.

Unser Programm erklärt, der Kampf der Arbeiterklasse sei ein politischer Kampf zunächst um politische Rechte, dann um politische Macht. Diesen Kampf verwirft der Anarchosozialismus, denn er erklärt sich gegen den Parlamentarismus, das heißt gegen ein unter den gegebenen Verhältnissen unentbehrliches Mittel des politischen Kampfes. Er verwirft den politischen Massenstreik, weil er gedacht sei als ein Mittel, dem Proletariat parlamentarische Rechte zu sichern; und er predigt die Propaganda der Gesetzlosigkeit, während die Sozialdemokratie die gesetzgebende Maschinerie erobern will, um die Gesetze im Interesse des Proletariats zu ändern.

Die Grundsätze des Anarchosozialismus sind tatsächlich Grundsätze des Anarchismus, der unvereinbar ist mit der Sozialdemokratie. Die Anarchisten haben sich dementsprechend auch eigene Organisationen geschaffen, die nicht nur von denen der Sozialdemokratie verschieden sind, sondern ihnen auch unversöhnlich feindlich gegenüber stehen. Wenn R. Friedeberg diese Grundsätze zu den seinen macht, hat er sich damit ohne Weiteres außerhalb des Rahmens der Sozialdemokratie gestellt. So sehr das Schiedsgericht seine Verdienste um das Proletariat und seine persönliche Ehrenhaftigkeit anerkennt und so sehr es bedauert, das verbindende Band mit ihm zerschneiden zu müssen, so muß es doch erklären, daß Friedeberg durch diese Erklärung aufgehört hat, Sozialdemokrat zu sein und nicht mehr als zur Partei gehörig betrachtet werden kann.

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