[Max] Schulze-Sölde: Die Proletarier und [das] Kino [1921]

Proletarier! Seit ich euer Leben lebe, weiß ich erst, was für eine ungeheure Rolle darin [das] Kino spielt. [Es] ist eins der größten Hindernisse für eure geistige Befreiung.

Mit Schrecken müssen wir, die wir die innere und äußere Freiheit der Massen herbeisehnen, zusehen, wie Tag für Tag in diesen lichtscheuen Buden eure Gehirne verdummt, versucht, verbildet und – verbürgerlicht werden.

Ihr aber merkt es gar nicht, und wenn ihr die wenigen Genüsse aufzählt, die euch das Leben bietet, ist [das] Kino unfehlbar dabei.

Woher kommt nur diese unheimliche Anziehungskraft, die [es] auf euch ausübt?

Nun! Im Kino findet der Prolet alles so, wie er es haben will. Man braucht nicht nachzudenken (nur nicht nachdenken!), man ist so schön unter sich, die Preise sind erschwinglich (dabei ist die Ausbeutung im Verhältnis zu den geringen Betriebskosten schamlos) und vor allem ist im Kino doch wenigstens das Leben so, wie es sein müsste, wie der Prolet es sich träumt, wie er es einmal leben möchte.

Und wie ist es da?

Es wimmelt von Grafen, Fürsten, Prinzen, Generälen und dergleichen höchsten und allerhöchsten Herrschaften. Gespielt wird prinzipiell nur in Schlössern, auf Adelssitzen, in Grunewaldvillen, in Modebädern, an der Rivera usw. Alle fünf Minuten wird an irgendeinem Diplomatenschreibtisch irgendein Brief geschrieben und einem affenähnlichen Lakaien (ein schöner Beruf!) auf ein silbernes Tablett gelegt. Überall stehen Klubsessel, fahren Automobile, reiten elegante Jünglinge auf Rassenpferden. Es wird furchtbar viel Sekt getrunken. Die Herren sind meistens im Frack oder doch wenigstens nach der allerneusten Mode gekleidet; die Damen haben sehr wenig an, aber alles aus Seide.

Ihr Proleten! Ich frage euch:

Wer bezahlt den Sekt, der da getrunken wird, wer bezahlt die Schneiderrechnungen dieser ‚beim Publikum so sehr beliebten Filmsterne’, wer bezahlt diese Autofahrten, diese Rassepferde?

Ihr!!

Aber statt euch über diese schnöden Prassereien aufzuregen, statt zu protestieren, statt diesem mimenden, vor Eitelkeit sich blähenden Filmgesindel eure schwielige und oft genug verstümmelte Arbeiterfaust drohend entgegenzuschütteln, sitzt ihr da, lasst euch das Wasser im Munde zusammenlaufen und denkt: wenn wir’s doch auch einmal so schön haben könnten.

Unser Filmtipp

Meine Freunde! Ich beschwöre euch! Verachtet diese Welt. Es ist die Welt der Gezeichneten, der zum Untergang Verdammten. Es ist das tanzende, das hurende, das schmarotzende, das sektsaufende Sodom und Gomorrha, das da vor euren hungrigen Augen flimmert.

Durch diesen Mist, der euch Woche für Woche immer wieder in derselben Aufmachung vorgesetzt wird, werden eure gesunden proletarischen Instinkte vollkommen verdorben und dadurch werdet ihr unfähig sein zu neuen schöpferischen Ideen, wenn ihr einmal in die Verlegenheit kommen solltet, eure Angelegenheiten selbst in die Hände zu nehmen und eine neue Welt aufzurichten.

Die Welt braucht aber neue Ideen, denn sonst kommen wir aus diesem grenzenlosen Schwindel nie heraus, selbst wenn morgen am Tage der Kommunismus mit Pauken und Trompeten ‚eingeführt’ werden sollte.

Alles, was sich dort auf der dreimal verfluchten Leinwand abspielt, ist durch die bürgerliche Brille gesehen, ist bürgerliche Ideologie, d. h. alle Ereignisse in diesen schmalzigen Schauerdramen sind nur dann so furchtbar tragisch zu nehmen, wenn man diese augenblicklich bestehende Welt für die richtige, für die einzig mögliche, für die ‚gottgewollte’ hält.

Der Bürger findet es richtig, dass der Verbrecher, der dem entsetzlich reichen Grafen das Perlenhalsband gestohlen hat, von Sherlock Holmes entlarvt und dem Staatsanwalt überliefert wird. Der Bürger freut sich, dass die Ruhe und Ordnung gerettet ist und der unglückliche Graf sein Perlenhalsband wieder bekommt.

Der Bürger versteht es, dass die Tochter des Kanzleibeamten vor Freude ganz fassungslos ist, weil S. Kgl. Hoheit sie beim festlichen Einzug in die Backe zu kneifen geruht hat.

Der Bürger findet es ganz in der Ordnung, dass sich ein fürchterliches Drama von 26 Akten abspielen muß, weil irgendwo zwei junge Menschen sich lieb gehabt und ein Kind in die Welt gesetzt haben, ohne sich vorher vom ‚Vater Staat’ die Erlaubnis dazu geholt zu haben. Der Bürger begreift es, dass sich die Mutter ins Wasser stürzt und von allen ‚anständigen’ (d.h. bürgerlichen) Menschen verachtet wird, dass das Kind Zeit seines Lebens einen Makel mit sich herumträgt und deshalb besser zu einer Engelmacherin gebracht wird usw. usw.

[Das] Kino ist – das dürft ihr keinen Augenblick vergessen – ein durchaus kapitalistisches Unternehmen, und die Meute der Schmarotzer, die sich mit diesem Instrument und eurem sauren Groschen die Bäuche füllt, wählt die Filme nicht etwas aus, weil sie gut und bildend für das Volk sind, sondern weil sie etwas einbringen. Leider aber bringen die Filme am meisten ein, in denen der größte Blödsinn verzapft wird.

Am tollsten treiben sie es, wenn sie euch, weil es augenblicklich Mode ist, sogenannte ‚sozialistische’ Filme vorführen, in denen euch haarscharf bewiesen wird, dass Sozialismus Unfug ist.

Da ist dann so ein edler kapitalistischer Menschenfreund, der seinen Arbeitern nichts wie Gutes tut (Klubsessel, Automobile, Lakaien,  Fräcke usw. fehlen natürlich nicht), und der zum Schluß sogar ‚sozialisieren’ will; aber es geht nicht – denn die bösen Arbeiter, ja ja, die bösen Arbeiter – die verderben alles. Deshalb heiratet er auch nicht die Tochter des Portiers, sondern kehrt reumütig wieder in den Schoß der Bürgerlichkeit zurück.

Das alles findet der Prolet wunderbar schön. Für fünf Mark Entree. Wie lange noch?

Anmerkungen:

Schulze-Sölde schrieb in dieser Anfangszeit des Kinos noch:

„Der Kino“ statt „Das Kino“ und „Films“ statt „Filme“

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 13/1921.

Anmerkung: Syndikalistischer Film hingegen wurde verboten.

Tipp: Pueblo en armas

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