Aktionsbericht einer Werbefahrt/Berlin [SAJD-1926]

„Propaganda Was ist denn los? Sind das Monarchisten; die heute demonstrieren wollen? Das mag im ersten Augenblick wohl manch ein Bourgeois gedacht haben. Ein Lastauto mit Anhänger, ausgeschmückt mit bunten Plakaten, Transparenten, besetzt von 60 Jungen und Mädchen, fuhr durch die Straßen Berlins.

Unsere kräftig gesungenen Kampflieder, unsere wehenden schwarzen Fahnen erregten die Neugierde des Spießer-Publikums. Flugblätter und Zeitungen werfen wir hinab in die Menge, welche bald merkte, dass Junge Anarchisten auf einer Propagandafahrt waren. Sonnabend, den 15. Mai, nachmittags, fuhren wir vom Zentrum Berlins ab, um in Ferch-Mittelbusch eine Versammlung unserer Genossen zu unterstützen. Fort ging die Fahrt durch die eleganten Villenvororte, an den Golf- und Sportplätzen der kapitalistischen Jugend vorbei, in Richtung nach dem erzreaktionären Potsdam. Von Wannsee ab hatten wir grüne Begleitung.

Der Staat sorgte schon dafür, dass die Propaganda wirkte. In Potsdam angekommen, mussten wir vor der Wache vorfahren. Verhör, wer, was wir sind, wohin…ergebnislos. Wir müssen zum Polizeipräsidium. Zwei Stunden Aufenthalt. Verhör, Rückfragen nach Berlin. Vor dem Polizeipräsidium hatten sich viele Proletarier angesammelt; KPD, RFB. Wir tauschten Solidaritätsbezeugungen gegen den gemeinsamen Feind aus. Die Polizei ärgerte sich darüber. Alle mussten vom Auto runter auf den Hof vom Präsidium. Nun, wir haben uns dort die Zeit schon vertrieben. Endlich durften wir weiter. Mit dem Gesang ‚Nun ade, du mein lieb Heimatland’ trennten wir uns von dieser gastliche Stätte. Mit dem Auto kamen wir dann nur bis in die Nähe des Lokals. Eine halbe Stunde durch mächtigen Wald. Unsere Genossen begrüßten uns. Lange hatten sie auf uns schon gewartet. Sie dachten, dass wir nicht mehr kommen würden. Nun, wir waren da! Schnell wurde eine Versammlung zusammengerufen, und Paul Albrecht sprach über das Thema: Arbeitslosigkeit. Dann sangen wir unseren Genossen noch einige Kampflieder. Müde legten wir uns aufs Strohlager. Sonntag, morgens um 6 Uhr, waren wir schon auf. Damit wir warm wurden, spielten wir auf einer nahen Wiese Ball. Um ½ 10 Uhr formierten wir uns zu einem Propagandazug durch die Dörfer. Flugblätter und Zeitungen wurden in die Häuser getragen und zur Versammlung eingeladen. Mittags um 2 Uhr fand eine Versammlung unter freiem Himmel statt. Beschützt wurden wir von zwei Gendarmen nebst einem Hund. Paul Albrecht und Eugen Betzer sprachen. Kräftige Worte des Beifalls von den Anwesenden gaben uns die Zusicherung, dass wir auf dem rechten Wege sind. Um 3 Uhr ging es dann wieder auf dem Lastauto zurück nach Berlin, wo wir abends ½ 9 Uhr am Ziel in Neukölln eintrafen. Kameraden, wir haben auch daraus eine Lehre zu ziehen. Manch ein Prolet sah uns zum ersten Male. Zeigen wir uns immer wieder. Sagen wir, was wir wollen! Die schwarze Fahne soll das Zeichen sein, unter dem der Arbeiter weiß, dass er kämpfen und siegen wird. Auf, zur Propaganda der Idee!“

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 22/1926

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