Wilhelm Schroers: Personenkult und Anarcho-Syndikalismus [1927]

Wilhelm Schroers aus Delmenhorst

In Kürze findet der 16. Kongress [der FAUD] statt. Alle Genossen erwarten positive Ergebnisse und Lösung verschiedenster Fragen. Da auch der Personenkult gewisse Reflexe auf die Tagung wirft, will ich versuchen, durch diesen Artikel der Erscheinung Abbruch zu tun.

Von Zeit zu Zeit erschüttern Persönlichkeitsfragen den Bestand unserer Organisation im kleinen wie im großen Maßstabe. Da fragt sich mancher, wie ist so etwas möglich bei einer solch freiheitlichen Einstellung, wie sie in der anarcho-syndikalistischen Weltanschauung manifestiert ist. Ein Versuch, die Ursache dieser Erscheinung festzustellen, dürfte doch sicher zu begrüßen sein, da die Beseitigung dieses Mißstandes nicht lediglich von den Wirkungen abhängig gemacht werden soll. Besonders wichtig ist es, einen Weg zu finden, der diese unliebsamen Erscheinungen, wenn auch nicht ganz, so doch erheblich zurückdrängt. Die gesamte Organisationsarbeit, die unter vielen Opfern und Mühsalen geleistet wurde und noch geleistet wird, wird zur Sisyphusarbeit, wenn es uns nicht gelingen sollte, eine Lösung der Frage zu finden. Überall dort, wo die unerquickliche Personenfrage auftaucht, treten Symptome des Verfalls hervor. Arbeitsunlust guter, fähiger Genossen, Austritt neugewonnener Mitglieder, schlechter Besuch der Mitgliederversammlungen, Versagen des Organisationsapparats, Vernachlässigung wichtiger und akuter Fragen sind die Folgen. Das Bild eines kranken Organismus, dessen Krankheitserreger im Personenkult zu suchen ist.

Personenkult entsteht dort, wo Autoritäten handeln und wo Autoritäten gezüchtet werden. Beides ist nicht mit einer antiautoritären Anschauung zu vereinbaren. Folglich ist dort, wo derartige Gepflogenheiten herrschen, kein anarcho-syndikalistischer Geist, obgleich die Bewegung sich so nennt. Sie tut ihrem Namen genau so unrecht wie heute das Christentum. Es ist das Gegenteil von ihrem Wollen. Gewiß soll in Betracht gezogen werden, dass wir ein Erbe angetreten haben, das alle Merkmale einer Degeneration in sich trägt, die nicht nur mit dem Bekenntnis zu unserer Weltanschauung, sondern in der Betätigung derselben beseitigt werden kann. Die Beseitigung des vererbten Autoritätssinnes kann nur jeder selbst an sich ausmerzen. Sicher übt eine antiautoritäre Umgebung eine heilende Wirkung aus. Hier berühren wir den strittigen Punkt. Da die Umwelt in gewaltiger Mehrheit herrschsüchtig ist, übt dieses einen unheilvollen Einfluß auf die Minderheit aus, die erkennend sich diesem widersetzt. Dabei darf man nicht immer eine Schlechtigkeit bei den Genossen vermuten, deren Betätigung sich mitunter autoritär auslässt. Er vermeint, das Beste für die Organisation tun zu wollen. Vielfach sind solche Genossen aktivistischer Natur, und schon haben wir ein Bild, das oft Gegenstand eines Streites geworden ist. Ihre Handlung war dann nicht ganz korrekt in unserem Sinne. Ein Gegenwort findet ein solches wieder, und schon ist die Sache in vollstem Gange. Es wird alles auf die Spitze getrieben, um zuguterletzt festzustellen, dass der Bewegung dadurch ein Schaden entstanden. Dann wird geschlichtet, gemeinsam am Aufbau der Organisation weitergearbeitet, um bei nächster Gelegenheit Neues mit Altem brühwarm aufzutischen, und so das Positive der letzten Arbeit zunichte zu machen. Ein Kreislauf, eine Sisyphusarbeit. Der Mangel an solidarischem Empfinden ist daran schuld. Die Fragestellung lautet jetzt: Können Genossen sich ernsthaft Gegner sein? Ich verneine dies. Weltanschauung erkämpft man, von außen verkleben kann man wohl. Doch ist dann aus der gegenseitigen Betätigung ersichtlich, dass sie nicht innerlich ist, und hier ist die Möglichkeit, derartige Genossen bei Verteilung der Funktionen nach Möglichkeit auszuschalten. Man darf sich nicht von der Bequemlichkeit leiten lassen: „Ach, laß den man den Laden schmeißen.“ Läßt man sich von solchen Gedanken leiten, leider geschieht das bei den meisten Organisationen, so erweckt man durch Arbeitsüberbürdung bei autoritär veranlagten Genossen die Diktaturgelüste, und mit diesen die Nebenprodukte, eigener Vorteil, Unehrlichkeit. Dann ein allgemeines Verwundern, dass unsere Idee solche Gewächse gedeihen lassen konnte.

Was bei unseren Prinzipien ein Vergehen bedeutet, ist bei allen Zentralorganisationen Methode. Basiert die Ausbeutung auf dem Herrschaftsprinzip, so ist in einer Organisation, die dieses anerkennt, jedes Prinzip der Freiheit ausgeschlossen, so kommt es, dass auch in den zentralen Arbeiterorganisationen eine Herrscherkaste sich bildete, während die Mitglieder den Resonanzboden abgeben, die den angegebenen Ton aufzufangen und wiederzugeben haben.

Mit derartigen Methoden haben wir gebrochen und sehen darin das Unheil der Arbeiterschaft. Es soll zugegeben werden, dass Ererbtes und Anerzogenes nicht ohne weiteres überwunden wird. So wird das Althergebrachte mit dem Neuen verquickt, es entsteht ein unklares Bild. Anstatt nun sachlich dieses Bild zu klären, wird diese Unkenntnis vielfach als Böswilligkeit angesehen, besonders dann, wenn der in Unklarheit befindliche Genosse sich behaupten will. In dieser Beziehung gibt es die verschiedenartigsten Fälle. Daß diese Fälle in Streit ausarten, beweist den Mangel an anarcho-syndikalistischem Geist auf beiden Seiten. Auf jeden Fall wird das Wichtigste dabei vergessen: der Kampf gegen den Kapitalismus. Energien werden nutzlos verpufft. Mit jedem Streitfall wird die Gegenfront gestärkt, die eigene zerbröckelt und das Selbstbewußtsein der Arbeiter zermürbt, der Organisationsgedanke verpönt. Anstatt die kapitalistische Gesellschaft zu zersetzen, zersetzt man die revolutionäre Arbeiterbewegung.

Hiermit soll nicht der Harmonie des Nichtdenkens, wie es in den Zentralorganisationen der Fall ist, das Wort geredet werden. Nein, nur der Weg zur gesunden und positiven Kritik geebnet. Da wo eine gesunde Kritik eingesetzt wird, herrscht auch ein gesunder Geist. Geist der Solidarität und Brüderlichkeit.

Man ist mitunter gezwungen, wenn man die streitenden Brüder sieht, Vergleiche anzustellen, wie sich beide Teile praktisch gegen ihre Ausbeuter ausnehmen. Ob da auch so gewaltig gedroschen wird.

Der solidarische Geist aller Genossen wird nottun, um in Zukunft solche Nutzlosigkeiten aus dem Weg zu räumen. Jedes Wort, jeder Schritt, jede Bewegung, die bislang für Zweckloses vergeudet wurde, für den Syndikalismus eingesetzt und der Sieg wird unser sein.

W. Schroers

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 21/1927.

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