Fritz Oerter zurück aus dem Vergessen!

Im Internetportal nordbayern.de erschien die  Tage ein Artikel zu einem wichtigen Funktionär der anarcho-syndikalistischen Bewegung in Deutschland: Fritz Oerter.  Der Autor Bernd Noack (Fürth) stellte uns den Originalartikel, sowie das Foto von Fritz Oerter zur Verfügung, wofür wir uns herzlich bedanken. Seine Nachforschungen sind sensationell, und wir sind gespannt auf weiteres aus seiner Feder!

Institut für Syndikalismusforschung

Bernd Noack: Spurensuche: Fritz Oerter

Fritz Oerter

Das markante Haus kennt jeder, der schon mal aufmerksam durch die Fürther Altstadt spaziert ist. Wie der Bug eines Schiffes schiebt es sich da zwischen Obere Fischerstrasse und Pfarrgasse. Schindelverkleidet, so schmal wie ein Zimmer nur, ragt es hoch über die abschüssige Strasse. Als architektonisches Unikum gehört es zum Programm jeder Stadtführung; dass es einmal ein Ort des geistigen Widerstands war, weiß heute kaum noch jemand; dass hier ein Mann wirkte, der 1935 eines der ersten Opfer der Fürther SA wurde, ist völlig vergessen: Fritz Oerter, zunächst überzeugter Sozialdemokrat und später – vor allem mit Worten! – leidenschaftlicher Anhänger des sogenannten Anarchosyndikalismus, Autor unzähliger kulturpolitischer Artikel und Aufsätze, ein ebenso feinfühliger wie engagierter Dichter, der für die unteren Klassen eine bessere Welt erhoffte und hilflos mit ansehen mußte, wie die braunen Horden auch in Fürth die Macht an sich rissen.

Doch um seine Geschichte zu erzählen, muß man erst noch ein paar wenige Meter weiter zurückgehen, in die Pfarrgasse hinein. Dort steht man vor der Rückfront eines Gebäudes, dessen Eingang sich in der Oberen Fischergasse befindet: im Dachgeschoß sieht man noch die Fenster, die zur Wohnung Fritz Oerters und seiner Frau gehörten. Hier lebte und arbeitete der gelernte Lithograph, der dann in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in dem auffälligen kleinen Haus am Ende der Pfarrgasse eine Buchhandlung und Leihbücherei eröffnete. Sicherlich nicht, um damit Geld zu verdienen, sondern um gute Literatur erschwinglich unters Volk zu bringen. Denn die Bildung der Schicht, aus der er selber kam, lag Fritz Oerter Zeit seines Lebens am Herzen. Die Massen, deren Verführbarkeit er ahnte und fürchtete, wollte er für eine gerechte Sache gewinnen.

Geboren wurde Oerter 1869 in Straubing. Als Jugendlicher kam er mit seiner Familie nach Fürth, wo er nach der Realschule den Beruf des Lithographen erlernte. Schon früh begeisterte sich Fritz zusammen mit seinem Bruder Sepp für die Ziele der Sozialdemokratie. Doch ging ihnen die politisch nicht weit genug: über linksradikale Jugendorganisationen führte beide der Weg zum Anarchismus. Nun darf man sich darunter keineswegs terrorverbreitende und bombenbastelnde geheime Zirkel vorstellen. Der Anarchosyndikalismus, dem sich die Oerters inhaltlich verpflichtet fühlten, wird heute historisch als eine Bewegung eingeordnet, die die Lohnabängigen selbstbestimmt und solidarisch zusammenschließen wollte. Für Fritz Oerter war er „die einzige organisierte Bewegung, die nicht nur den revolutionären Umsturz der gegenwärtigen Wirtschaftsmethode zum Ziel hat, sondern auch zugleich durch ihre Organisation den Neubau einer freien, herrschaftslosen, sozialistischen Gesellschaft vorbereitet.“

Fritz Oerter entwickelte sich „zu einem der begabtesten Schriftsteller der anarchistischen Bewegung,“ wie der legendäre Anarchist Rudolf Rocker in seinen Memoiren schreibt. Begraben in versprengten Archiven, findet man heute die Werke des Fürther Autors nurmehr schwer. Doch wer die Gedichte und Artikel liest, spürt noch etwas von der Leidenschaft, mit der Oerter vor und nach dem 1. Weltkrieg seine Sache vertrat: „Nicht die Nation und nicht der Kapitalismus dürfen es wagen, sich als Träger der Kultur aufzuspielen, einzig und allein ist es die werktätige Menschheit, welche wahre Kultur schaffen kann, wenn sie die Grenzen des Staates nicht mehr anerkennt, sich inter-national solidarisch vereinigt, den Kapitalismus, diese internationale Landplage und Völkergeißelei in die Versenkung verschwinden läßt…“

Solche Sätze machten einen unbeliebt bei der und gefährlich für die Obrigkeit. Und so kam es mehrfach vor, dass auch Fritz und Sepp Oerter verhaftet wurden. Dennoch setzte zumindest Fritz seine aufklärerische Arbeit in den 20er Jahren, nachdem auch hier die Räterepublik gescheitert war, in Fürth unermüdlich fort. Bruder Sepp ging da derweil im Norden Deutschlands ganz andere Wege: er schloß sich später, nach einer kurzen Karriere in der USPD, den Nazis an und wurde unter ihnen gar Landtagsabgeordneter in Braunschweig.

Das Rampenlicht war dagegen die Sache Fritz Oerters nicht. Er lebte bescheiden im Schatten der Michelskirche, druckte, schrieb und versorgte die Bewohner der Altstadt mit Büchern. Auf alten Fotos sieht man einen stattlichen weißhaarigen Mann mit buschigem Schnurrbart: er ähnelt ein wenig Mark Twain oder Albert Schweitzer, wie er da im Dachgeschoß seiner Wohnung auf dem Sofa sitzt, in die Zeitung vertieft, hinter ihm ein Regal mit dicken Folianten. Ein anderes Bild zeigt seine Frau im selben Raum: eine gütige kleine Dame, strickend neben dem Kachelofen und unter der Wanduhr. Kleinbürger-Idylle, die freilich trügt, denn hier entstanden über Jahre hinweg aufrüttelnde anarchistische Schriften und Analysen, in denen früh schon gewarnt wurde vor der Machtübernahme des deutschen Ungeistes.

Die Fotos des Ehepaars stehen heute im Wohnzimmer von Alfred Hierer in Egersdorf. Er ist der Enkel von Fritz Oerter, und bei ihm finden sich zahlreiche Dokumente, aus denen sich jetzt langsam das Leben dieses vergessenen Streiters für eine gerechtere Zeit rekonstruieren läßt. Der heute 85jährige Hierer war als Kind oft bei seinem Großvaters, sah zu, wie der mit angerührter Tusche seine Druckvorlagen herstellte, weiß noch wie die Großmutter die schweren Steine mit dem Leiterwagen bis nach Muggenhof in eine Lithographieanstalt brachte, trieb sich zwischen den vollgefüllten Regalen der Bücherei herum. Ein begeisterter Schachspieler sei der Opa gewesen; dagegen wurde über seine politische Arbeit in der Familie nie viel gesprochen: zu gefährlich sei das wohl gewesen, und als Bücher mit Stempel und Exlibris Oerters aus der Pegnitz gefischt wurden, war klar, dass die Völkischen den Großvater und damit die ganze Familie im Visier hatten. Sie zog sich zurück aufs Land, Fritz Oerter aber blieb in Fürth.

Von hier aus hatte er längst Kontakte zu den führenden Köpfen des demokratischen Widerstands gegen Nationalismus und Großkapital geknüpft. Zu seinen Vertrauten zählten Gustav Landauer, eine der wichtigsten Gestalten der Münchner Räterepublik, die Schriftsteller Erich Mühsam und Ernst Toller. Letzterer soll sogar bei Oerter Unterschlupf gefunden haben, nachdem man ihn 1924 aus der Haft, wo er wegen angeblichem „Hochverrats“ saß, entlassen hatte. Und wahrscheinlich erhielt Oerter 1926 in Fürth auch Besuch von einem leibhaftigen Literaturnobelpreisträger: der große indische Dichter Rabindranath Tagore hielt sich am 19. September in Nürnberg auf. Dass er auch bei Oerter war, behauptete der Sozialdemokrat Conny Grünbaum in einem Gespräch. Betrachtet man die Verbindungen damals, dann ist das durchaus möglich, denn Tagores Werke wurden immerhin von Gustav Landauer, dem engen Freund Oerters, ins Deutsche übertragen…

In Alfred Hierers Besitz befindet sich auch ein bislang noch nicht ausgewertetes Tagebuch seines Großvaters, das über den kurzen Zeitraum zwischen Dezember 1932 und März 1933 bewegend von lokalen und deutschen Ereignissen berichtet. Verzweifelt schreibt Oerter, der stets für den gewalt-losen Widerstand eingetreten ist und auf die überzeugende Macht des Wortes vertraute, einmal: „Die ‚Kultur‘ schreitet voran (…)  dass man bald von einem geistigen Deutschland nicht mehr reden kann…“ Am 5. März muß er den Sieg der NSDAP notieren und zitiert resigniert Schiller: „Das war kein Heldenstück, Octavio.“

Im September 1935 kommt in Bekannter aus der Angerstrasse in die Untere Fischerstrasse und überbringt die Nachricht, dass Fritz Oerter im Krankenhaus gestorben ist – an einer Lungenentzündung. Die freilich hatte er sich nicht in Freiheit sondern im Gefängnis zugezogen: die SA hatte ihn abgeholt, verhaftet und verhört. Die Hintergründe sind bis heute ungeklärt, wie man Fritz Oerter während der einwöchigen Haft be- oder gar mißhandelt hat, auch. Auf jeden Fall verließ er das Gefängnis geschwächt und gebrochen und starb am 19. September an den Folgen.

Fritz Oerter hatte seinen Kampf verloren. Nach dem Krieg erinnerte sich in Fürth niemand mehr an ihn, nicht die SPD, die ihm einst nicht radikal genug war, die Konservativen schon gar nicht, die ihn nur für schlichtweg „anarchistisch“ hielten. So kam es, dass die Stimme eines bedeutenden Kämpfers für Frieden und Freiheit verstummte:

„Was wäre denn, wenn wir verzagten, / Nicht eine kühne Tat, / Kein einzig Wort mehr wagten / und schweigend duckten uns im Staat? / Was wäre denn, wenn alle trügen / Des Knechtsinns schimpflich Mal, / Wenn jeder wollt` sich willig fügen / Dem Zwang, der dumpfen Arbeitsqual? (…) Damit Gemüt und Sinn sich wandeln, / Fangt an, Ihr Brüder, denkt! / Dann wird gewiß auch euer Handeln / Dem Geist entsprechen, der euch drängt. / Das Denken müßt ihr selbst besorgen, / Kein Führer steht euch bei; / Dem eignen Drang sollt ihr gehorchen, / Die eigne Tat nur macht euch frei.“

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